Baja California

Wir kommen uns vor wie richtige Reiseanfänger. Dies, obwohl wir ja schon einige Grenzen überquert haben und die Unarten diverser Grenzbeamter kennen lernen durften. Und doch finden sich immer wieder Dinge, welche man bei der Vorbereitung schlicht und einfach übersieht. Anstatt uns einen Stempel in den Pass zu drücken, schickt uns die äusserst freundliche, mexikanische Zöllnerin zum Kassierer. Wie jetzt? Als wir das letzte Mal in Mexiko waren, erhielten wir eine Aufenthaltsbewilligung für drei Monate gratis. Etwas vorbelastet durch Asien wittern wir sofort Betrug, doch die nachfolgende Recherche zeigt, dass der Grenzübergang in Tijuana etwas anders organisiert ist. Durch die viele Reisenden aus den USA, welche häufig für ein feuchtfröhliches Wochenende nach Mexiko fahren, entfallen viele Kontrollen. Wer jedoch länger als 72h in Mexiko bleiben will, muss dafür bezahlen. Aha.
Deshalb finden wir auch auf der Seite der USA niemanden, der unsere Ausreise bestätigen will. Die Mexikaner derweil interessieren sich für unser Gepäck, obwohl es durchleuchtet wird, genauso wenig.

Kaum verlassen wir das Gebäude, stehen wir in einer anderen Welt. Mexikanische Musik dudelt uns entgegen, der Duft von Frittieröl und Burger weicht dem Geruch von scharfen Chilischoten. Der Verkehr wirkt auf Anhieb viel chaotischer und es wird wieder gehupt! Die Menschen lieben das Leben und strahlen es auch aus. Danach haben wir uns gesehnt. Viele lachen uns entgegen. Mit unseren wenigen Spanischworten begrüssen wir sie. Dass wir dabei seit langem wieder so richtig bis auf die Unterhosen verregnet werden, ist irgendwie egal. An der Rezeption der Unterkunft hinterlassen wir zwei kleine Pfützen, die Zimmermädchen eilen mit Handtüchern herbei. Was für ein Empfang.

Auf der Suche nach einem Bankomaten weichen wir verlöcherten Gehwegen, überschwemmten Strassen und Hunden aus. Anstehen fürs Geldabheben ist hier normal. Die Mexikaner erhalten zweimal pro Monat Lohn. An diesen Tagen will, so scheint es, jeder Geld. Es bilden sich lange Schlangen und nicht selten ist einer der Automaten leer. Wir kommen nicht drum herum und müssen ebenfalls anstehen. Während der Kurrier den Kasten wieder auffüllt, wird er durch zwei Sicherheitsleute mit Schrotflinten bewacht. Tijuana hat, wie viele mexikanische Städte, einen schlechten Ruf. Gefährlich sei es, da gebe es viele Morde und Entführungen und sowieso ist Mexiko doch kriminell!? Unbeachtet bleibt dabei jedoch, dass solche Taten normalerweise innerhalb der Drogenkartelle bleiben. Als Tourist bleibt man verschont. Hoffentlich. Von Männern mit tätowierten Gesichtern sollte man sich jedoch in Acht nehmen, vorallem jene mit aufgemalten Tränen unter dem Auge. Dafür gibt es verschiedene Bedeutungen. Häufig steht ein solches Tattoo im Zusammenhang mit kriminellen Aktivitäten. Tränen sind es nicht, jedoch Sterne die der massige Kerl neben den Augen trägt. Er steht dicht hinter mir, das Rasiermesser hält er mir an den Nacken. Die Zunge zwischen den Lippen eingeklemmt, ein Zeichen seiner Konzentration. Richtig verständigen kann ich mich nicht. Aus der Angelegenheit komme ich mit 100 Pesos weniger und einem neuen Haarschnitt heraus.

Tijuana selber gefällt uns nicht besonders, so suchen wir einen Bus, der uns nach Guerrero Negro weiter im Süden bringt. Kurz vor vier stehen wir an der Bushaltestelle und versuchen ein Billett für den Bus um sechs Uhr abends zu kaufen. Ausgebucht! Spontan entscheiden wir uns für den Bus in knapp fünf Minuten. Es reicht gerade noch, um eine Flasche Wasser zu kaufen. Etwas knapp ausgerüstet für eine bevorstehende 12 Stundenfahrt. An der nächsten Haltestellen hüpfen wir deshalb aus dem Bus und decken uns im Supermarkt von nebenan mit Essbarem ein. Dank etwas Verspätung und einer kleinen Zeitumstellung liegen wir morgens um halb sechs schliesslich im Bett und frieren. Dies, obwohl wir fast 700 Kilometer weiter südlich sind. Guerrero Negro entpuppt sich als ziemliches Kaff, bekannt als Ausgangspunkt für Grauwalbeobachtungstouren und einer Salzmine inklusive Salzdünen. Da der Security uns die Dünen nicht auf eigene Faust besichtigen lässt, ist dieser Ausflug für uns ein kleiner Flop.

Leider fällt auch unsere nächste Station Santa Rosalía wortwörtlich ins Wasser. Obwohl auf der Halbinsel normalerweise nur im September Regen fällt, regnet es in Strömen. In der Nacht zieht sogar ein Gewitter vorbei. Dass es von der Kanalisation auf die Strasse sprudelt, scheint sogar die Einheimischen zu beeindrucken. Hauptattraktion in Santa Rosalía wäre eigentlich die Kirche. Erbaut wurde diese nämlich von niemand geringerem als von Gustave Eiffel. Genau der, welcher das Wahrzeichen von Paris erschaffen hat. Erbaut als Prototyp für Kirchen in französischen Missionen, sollte sie Tropenstürmen trotzen können. Die Kirche stand an den EXPO 1889 Seite an Seite mit dem berühmten Eiffelturm in Paris. Jahre später kaufte ein Vorsitzender einer Minenfirma die Kirche und transportierte diese nach Santa Rosalía, wo die Eisenkonstruktion noch heute steht. Leider hat der Regen Bilder verhindert. So flüchten wir weiter in den Süden und hoffen auf besseres und vorallem wärmeres Wetter.

In La Paz werden wir schlussendlich fündig. Ja, auch Mexiko besitzt ein La Paz, ist aber im Gegensatz zum bolivianischen Pendent eher unbekannt. Obwohl hier drei führende Forschungsinstitute für Meeresbiologie stationiert sind. Kein Wunder, denn die Vielfalt an Meereslebewesen ist enorm. Nebst der saisonalen Vorkommnisse diverser Walarten, kommen Hammerhaie sowie eine grosse Population von Walhaien dazu. Letztere sind hier fast ganzjährig anzutreffen. Dank der grossen Vielfalt der Wasserzonen sind diese so etwas wie sässhaft. Im Sommer zieht es sie lediglich etwas weiter nördlich in die Bucht von Kalifornien.
Im Moment aber, sind sie direkt vor der Stadt anzutreffen. Für uns bietet sich nun endlich eine optimale Gelegenheit, die grössten Fische der Welt zu beobachten. Bereits in Australien haben wir mit dem Gedanken gespielt, mit den Walhaien zu schnorcheln. Aufgrund der Tatsache, dass die Tiere per Flugzeug aufgespürt werden und der hohe Preis ein riesiges Loch in unsere Reiskasse gerissen hätte, haben wir schliesslich darauf verzichtet.

Mit einem kleinen Boot geht es los. Schon nach kurzer Zeit befinden wir uns inmitten vieler anderer Boote.  Die Sicht ist durch die eher ungewöhnlich grossen Wellen eingeschränkt und macht die Suche dementsprechend etwas schwierig. Plötzlich taucht die erste Rückenflosse im Wasser auf. Da sich jedoch nur sechs Schnorchler gleichzeitig im Wasser befinden dürfen und bereits drei andere Boote in der Nähe sind, setzten wir die Suche fort. Mit einem guten Gefühl, denn nun wissen wir, dass sie wirklich hier sind. Schliesslich finden auch wir „unseren“ Hai. Im Wasser schauen wir erstmal tief in die Röhre. Offenbar ist der Walhai nicht an Gesellschaft interessiert, denn er hat sich bereits wieder aus dem Staub gemacht. Es dauert jedoch nicht lange, bis der nächste Schatten gesichtet ist. Erneut gleiten wir ins Wasser. Sehen wieder nichts. Die mässige Sicht bringt noch etwas mehr Spannung rein. Ich erschrecke. Wie aus dem Nichts taucht der riesige Fisch vor mir auf. Seine Punkte auf dem Rücken sind nun klar sichtbar, die kleinen Kulleraugen ziehen in einer Distanz von etwa einem Meter an mir vorbei. Viel zu schnell, um mitschwimmen zu können. So schnell er aufgetaucht ist, verschwindet er auch wieder. Wir wollen mehr! Beim nächsten Versuch haben wir mehr Glück. Er frisst. Er  öffnet und schliesst sein gewaltiges Maul, um Krill aus dem Wasser zu filtern. Ist diese Stelle ausgeschöpft, schwimmt er weiter. Wir an seiner Seite. Bis er beschleunigt und wir ablassen. Der Kopf zieht neben mir, die Seitenflosse unter mir vorbei. Uuups, da kommt ja noch die Schwanzflosse die deutlich nach links und rechts ausschlägt. So entferne ich mich weiter ins trübe Wasser und schwimme zufrieden zurück zum Boot.

Das sind mal Weihnachten!

 

4 Kommentare

  1. Egli Paul 3 Jahren vor

    Hallo Ihr beiden. Merilyne denke des öfteren an euch besonders dann, wen ich mit dem Güterzug im Löchligut in Richtung Süden abbiege.

    Freundlichen Gruss

    Paul

    • Marilyne
      Marilyne 3 Jahren vor

      Sali Paul
      Schön hat es dich auf unsere Seite verschlagen. Güterzug und Löchligut, da kommen bei mir tatsächlich auch Erinnerungen auf.. 😀
      Einen wunderbaren Start ins 2017..

  2. regula 3 Jahren vor

    ganz e tolle Bricht.Ha immer fröid vo öich ds läse.

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  1. […] schnorcheln zu gehen. Für uns unvorstellbar, wie es hier in der Hauptsaison zu und her gehen muss. Zum Glück haben wir die faszinierenden Tiere bereits in La Paz auf der anderen Seite von Mexiko ges…, denn einmal mehr erwischen wir die Nebensaison – ohne […]

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