Auf und Ab

Mäjestätisch erscheinen die zwei Stützen hinter dem nächsten Hügel. Über 180 Meter ragen sie aus dem Wasser in den Himmel. Der Wind bläst seitlich dagegen. Die Fahrbahn, aufgehängt in 40 Metern Höhe, bewegt sich kaum. Die Högakustenbron, die längste Brücke Schwedens, wird nicht umsonst die „Golden-Gate-Bridge von Schweden“ genannt. Anders als das Original besitzt diese Brücke jedoch keine abgetrennten Fahrspuren für Fahrräder. So bleibt uns nichts anderes übrig, als während 1,86 km auf dem Seitenstreifen der autobahnähnlichen „E4“ die Brücke zu passieren. Mit böenartigem Seitenwind und den vorbeirauschenden Lastwagen, Camper und Wohnwagen kein einfaches und schon gar nicht gemütliches Unterfangen. Wir haben jedoch ein Ziel vor Augen: Ein kleiner, gemütlicher Bootshafen mit Übernachtungsmöglichkeit. Das Beste: Die dazugehörige Sauna.

Die Högakustenbron ist der Beginn des gleichnamigen Abschnittes, welcher uns nun erwartet: „Hohe Küsten“. Eine durchgehende Küstenstrasse, voller Aufs und Abs steht in den nächsten Tagen an. Wir sehen jedoch deutlich mehr Wälder und Bäume statt Meer und Küste. Für mehr Unterhaltung sorgen unsere Räder. Lange ohne grosse Probleme über die Runden gekommen, scheinen wir gerade eine winzige Pechsträne zu haben. Während sich an meinem Rad mit einem schaudernden „PING“ die zweite Speiche der Tour verabschiedet, ist bei Lynes Rad an einem Morgen die Luft raus. Gegen einen kleinen Metalldraht ist auch ein unplattbarer Reifen machtlos. Es sind Schäden, welche schnell behoben sind.

So schnell sich die kleinen Aufs und Abs der Strasse oder der Belag von Asphalt zu Kies wechselt, wechselt auch das Wetter. Auch wenn dunkelschwarze Wolken den Himmel bedecken, bleiben wir trocken. Strahlt jedoch die Sonne, heisst das nicht, dass es nicht in den nächsten fünf Minuten wie aus Kübeln schüttet. Es ist ein ständiges Abschätzen, ob ein Wechsel der Bekleidung sinnvoll ist oder nicht. Unterwegs empfiehlt uns ein schwedischer Seefahrer eine neue Wetter-App für das Smartphone. Wir bemerken jedoch ziemlich rasch, dass auch damit die Zuverlässigkeit der Vorhersagen nicht steigt. Die Regenschauer sind normalerweise jedoch nur von kurzer Dauer.

Wir kommen rasch voran und versuchen jeweils einen guten Kompromiss zwischen guten Strassen, wenig Verkehr und direkten Wegen zu finden. Manchmal befahren wir perfekt, geteerte Wege ohne Verkehr, dann geniessen wir die Ruhe, die Natur und halten die Augen nach Wildtieren offen. Zwischendurch verirren wir uns auf holprigen Waldwegen. Kombiniert mit Regenschauern entwischt uns dann ein leises (oder auch lautes) Fluchen. Eine entschädigende Sichtung von Elchen bleibt leider aus. Es sind die Momente wo uns der Einfluss der mentalen Stärke knallhart vor Augen geführt wird. Je näher der Ruhetag kommt, desto länger werden die Kilometer. Umso schöner ist es, als das Ortsschild von „Luleå“ erscheint. Wir freuen uns auf die zwei Hotelnächte.

Auch Luleå feiert den Sommer. Auch? Eine Woche zuvor in Sundsvall: Mit einem lauten Brummen kündigt sich ein Fest an. Wie an der Museumsnacht in Bern reiht sich in der belebten Fussgängerzone ein Oldtimer an den Anderen. Der Geruch von verbranntem Motorenöl liegt in der Luft. Aus den Fahrzeugen ertönt ohrenbetäubende Musik. Auf dem zentralen Platz von Sundsvall haut uns eine Band ein Hit nach dem Anderen um die Ohren. In einer Bar etwas weiter weg vom Zentrum geht es etwas gemütlicher zu und her. Livemusik gehört hier einfach zum guten Ton. Die Hits werden von den Gästen mitgesungen wie die „W.Nuss vo Bümpliz“ auf dem Gurten. Die gespielte Musik begleitet uns Tage später immer noch aus unseren Kopfhörern.
Nun brummt es auch in Luleå. In unserem Hotelzimmer. Von draussen. An der nahegelegenen Uferpromenade findet gerade der Soundcheck statt. Auftakt zu einem dreitägigen gratis Open-Air-Festivals eines schwedischen Radiosenders.

Wir brechen auf in Richtung Finnland. Die Wetterlage bringt nicht nur vorteilhaften Rückenwind, sondern auch deutlich mehr Regen. Wir versuchen so viele Kilometer wie möglich hinter uns zu bringen. Die Sichtung von Rentieren auf und neben der Strasse geben uns gute Gründe um kurze Pausen einzulegen.

Marilyne äusserte zu Beginn der Reise den Wunsch, einmal die Grenzen auszuloten. Zu schauen, welche Distanz wir fähig sind, an einem Tag zurückzulegen. Die Strecke zwischen Levi und Inari ist dafür die perfekte Möglichkeit. Knappe 180 Kilometer trennen die beiden Städtchen. Dazwischen gibts ausser einer winzigen Raststätte eigentlich nichts. An diesem Ort wurde im Januar 1999 auch die kälteste Temperatur Finnlands (und Europas) gemessen: -51.9° C. Wir sind froh ist es deutlich wärmer, als wir nach knapp 70 Kilometer diesen Ort erreichen. Gestärkt begeben wir uns nach dem Stopp auf die letzten 110 Kilometer des Tages. Auf und Ab – mit den Gefühlen und auch mit dem Wetter. Eine Regenfront jagt die Nächste. Diesmal kündigen sie sich jedoch an – auf der Wetter-App, wie auch mit tiefschwarzen Wolken. Die Grenzen getestet erreichen wir unsere Unterkunft in Inari einen Tag früher als erwartet.

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3 Antworten

  1. Wooow, GESCHAFFT!!!!
    Mit grosser Hochachtung, herzliche Gratulation zu dieser Leistung an Euch beide. Nun hoffentlich tolle Sicht ohne Nebel oder Regen, dafür anstehender Vollmond. Liebe Grüsse, bis demnächst Märku

  2. Die Monsteretape haben wir natürlich auch mitverfolgt, alle Achtung! Habt ihr eigentlich auch Schuhwichse dabei, um am Ziel das Sitzleder zu polieren? Jedenfalls habt ihr das schöne Tradition Hotel Kultahovi dann auch wirklich verdient. Das habe ich natürlich auch nachgeschaut. Nun aber wünsche ich euch noch alles Gute für die paar letzten Etapen. Herzliche Grüsse Gerhard

    1. Nein, Schuhwichse haben wir nicht auch noch dabei – das Sattelleder wird standesgemäss mit Füdli-Rücken-Schweiss gefettet :-).
      Dann hast du bestimmt auch bemerkt, dass das am Hotel angeschlossene Restaurant über die Stadtgrenzen heraus bekannt ist? Birkenglace und Steinpilzglace sind schon eher selten auf einer Menükarte.
      Bis bald – und gutes Verfolgen!
      Herzliche Grüsse aus Norwegen

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