Wir sitzen am Esstisch zu Besuch bei Philip und Fränzi. Es gibt ein leckeres Abendessen und einen Rotwein dazu. In der Stadt Biel herrscht Frühlingswetter. Wir sinnieren über unsere Reisepläne. Während unsere bereits fest stehen und wir die Zugstickets für die Transmongolische Eisenbahn schon in der Hand halten, steht bei den beiden das Ganze noch etwas in den Sternen. Klar ist, dass sie ein Jahr Auszeit nehmen und mit einem Schiff in die Karibik segeln wollen. Doch im Moment sind weder Schiff noch ein bestätigter Urlaub in Griffnähe. Dennoch liebäugeln wir alle bereits mit einer gemeinsamen Rückkehr nach Europa am Ende unserer Reisen.

Am Flughafen von Santo Domingo in der Dominikanischen Republik angekommen, sind wir dieser Idee einen entscheidenden Schritt näher, denn hier haben wir einen gemeinsamen Treffpunkt gefunden. Für uns einen kurzen, turbulenten Flug von Kuba, für Philip, Fränzi und ihrem Schiff, der „Buna Luna“, einen kleinen Abstecher auf der Route durch die Karibik. Seit einigen Tagen liegen sie bereits in einem Hafen am Ostende der Insel, für unsere Ankunft zieht es sie jedoch in die Hauptstadt.

Es gibt unglaublich viel zu erzählen, schliesslich haben wir die beiden seit knapp zwei Jahren nicht mehr gesehen. An einen Stadtrundgang ist deshalb nicht wirklich zu denken. Wir haben trotzdem nicht das Gefühl, viel zu verpassen.

Punta Cana ist wohl die Touristenhochburg des Landes. Ein All-Inclusive-Resort reiht sich an das nächste, die Hotelshuttles stehen am internationalen Flughafen des Ortes in Reih und Glied. Die meisten Urlauber bleiben wohl während des gesamten Aufenthaltes hinter Schloss und Riegel, denn Touristen sehen wir kaum. Selbst in der Marina mit dem angrenzenden Resort trifft man ausser den heimischen Fischern kaum jemanden. Die riesige Anlage wirkt irgendwie verlassen, was jedoch überhaupt nicht auf unsere Stimmung schlägt. Denn wir sehen zum ersten Mal das Schiff, welches uns nach Europa bringt – und schliesslich bedeutet der Schiffsname „Buna Luna“ auf Rätoromanisch „Gute Laune“.

Ein Segelschiff mit einer Länge von 35 Fuss (10.6m), zwei Kojen, Küche, Toilette, Dusche, Salon und einem grosszügigen Cockpit. Vor etwas mehr als einem Jahr war das Schiff an einer Bootsmesse in Paris ausgestellt, denn als Prototyp dieses Bootsbauers besitzt das Schiff nicht wie gewöhnlich einen Dieselmotor, sondern einen fast lautlosen Elektromotor. Er soll unter Segel fahrend seine Batterien selbst wieder laden können. Doch bis wir dies selber miterleben können, dauert es noch etwas. Die Windprognosen für die Überfahrt nach Bermuda sind schlecht. Die zusätzlichen Tage in der Marina nutzen wir, um uns auf dem Schiff zurecht zu finden. Es sind bereits viele Lebensmittel und über 250 Liter Trinkwasser irgendwo im Rumpf verstaut – ein Plan von Fränzi hilft uns, das Gewünschte auch zu finden.

Schnell auffindbar ist jedoch das Rettungsequipement, welches wir hoffentlich nie brauchen werden. Dazu gehört eine Rettungsinsel, Handfunk, Notnahrungsmittel, GPS-Sender mit Alarmierungsfunktion, Leuchtpistole, Rettungsringe und Schwimmwesten.

Am letzten Tag vor der Abfahrt besorgen wir im Supermarkt weitere Lebensmittel für die Überfahrt bis zu den Azoren. Da das Preisniveau auf Bermuda etwas gar über unserem Budget liegen soll, wollen wir nicht auf einen Grosseinkauf angewiesen sein. Die benötigten Mengen an Pasta, Gemüse und Wasser sind für uns nicht wirklich einschätzbar. Zum Glück haben wir Fränzi und Philip mit dabei. Denn mit meinen acht eingepackten Äpfel und Marilynes sechs Karotten wären wir wohl mitten im Atlantik verhungert. Schlussendlich kauften wir deren 20 Äpfel und diverse Rüebli mehr ein.

Vieles gibt es zu berücksichtigen, die Mengen sind da nur ein kleiner Teil. Wegen beschränktem Platz im Kühlschrank müssen Gemüse und Früchte sorgfältig ausgewählt werden. Was übersteht auch grössere Temperaturschwankungen unbeschadet? Auch Eier können nur ungekühlt gelagert werden, solange sie noch nie gekühlt wurden. Und wer will schon nach drei Tagen nur noch Getreideriegel, Pasta und Reis essen? Wir sind froh, haben die beiden den grössten Einkauf schon in Puerto Rico erledigt – denn ich fühle mich mehr als blöder Fragesteller, als eine wirkliche Hilfe.

Die Kassiererin schaut uns etwas erstaunt an, als sie das Förderband voller Esswaren sieht und die beiden Einkaufswagen immer noch fast voll sind. Am Ende meint sie mit einem Schmunzeln nur: „Ist das jetzt schon alles?“. Es gibt hier wohl nicht viele Menschen, die Proviant für 30 Tage auf See einkaufen.

Morgens um zehn Uhr stehen die Beamten der Marina am Liegeplatz. Für uns ist es eine neue Erfahrung, ein Land auf diese Art zu verlassen. „Ausklarieren“ nennt man es im Fachjargon. Die Pässe werden noch einmal kontrolliert, die Schiffspapiere gecheckt – und natürlich wird dafür  eine Gebühr eingesackt. Für uns ist es jedoch ein sehr unkompliziertes Ausreisen. Ein Mitarbeiter der Marina hilft uns schliesslich beim Ablegen und schaut, dass wir den Hafen auch wirklich verlassen. Mit dem Elektromotor gleiten wir lautlos aus der pompösen Hafenanlage, die Gastflagge der Dominikanischen Republik wird geborgen und die Segel endlich gesetzt. Es ist ein Moment, auf den wir lange spekuliert, gehofft und gewartet haben. So stechen wir mit einer Segelfläche, welche grösser ist als die Grundfläche unserer ehemaligen Wohnung, in See.

Lange dauert es leider nicht, bis es uns Landratten etwas mulmig im Magen wird. Solche Wellen sind wir uns definitiv nicht mehr gewohnt. Zum Glück schläft man trotz Seekrankheit fast immer gut. Die nächsten Tage sind zwar praktisch um den Körper ans Leben auf hoher See zu gewöhnen, doch mit sehr wenig Wind kommen wir auch kaum voran. Ein gutes Mittelmass an Wind und Wellen scheint es im Moment nicht zu geben, denn ein aufziehendes Gewitter beschert uns kurzfristige Sturmböen, Blitz und Regen wie aus Kübeln, doch mit dem schlechten Wetter verschwindet leider auch wieder der Wind. Die Tage vergehen trotzdem wie im Flug. Mit spielen, essen, schlafen und Bordkino vertreiben wir uns die Zeit, bis nach zehn Tagen das erste Zwischenziel am Horizont auftaucht.


2 Kommentare

  1. Gerhard Käsermann 2 Jahren vor

    Sehr schöner Beitrag, schön dass man von euch hört, obwohl ihr mitten im Atlantik seid. Wie hast du den Beitrag nur ins Netz stellen können ohne WIFI? Etwa per Flaschenpost?

    • Simon Autor
      Simon 2 Jahren vor

      So hält man die Leser bei Laune 🙂 Ich hatte den Beitrag schon auf den Bermudas fertig geschrieben und ihn so terminiert, dass er automatisch veröffentlicht wird.

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