Zigarren, Salsa und Rum

Ich fühle mich als ob wir eben ein Wochenende in einem Vergnügungspark verbracht hätten und nun wieder in der Realität ankommen. Am Parkausgang zeigen wir ein letztes Mal unseren Pass, die Zöllner lachen übers ganze Gesicht. Auch von den nervösen Kreuzfahrttouristen lassen sie sich nicht aus der Ruhe bringen, als ihr System kurzfristig aussteigt.

So stehen wir inmitten der Hauptstadt von Kuba. Das überdimensional grosse Schiff liegt hinter uns, vor uns eine alte Kolonialstadt, deren Armut in die Strassen projiziert ist. Nur wenige Strassen vom Stadtzentrum entfernt nehmen die Touristengruppen rapide ab. Dafür spielen Kinder auf den Strassen mit Murmeln und Zigarettenstummeln. Wir werden sofort angesprochen, ob wir eine Unterkunft benötigen. Diese haben wir zum Glück bereits, denn die Auswahl an Casas Particulares, den Gästehäusern, ist schier unüberschaubar.

Ein lachendes, bekanntes Gesicht schaut uns plötzlich entgegen. Trotz tropfnassen Kleidern, strömendem Regen sei dank, fällt uns Linda um den Hals. Wir haben uns mit ihr verabredet und werden die erste Woche in Kuba gemeinsam verbringen.

Es dauert keine fünf Minuten und wir werden mit allen Klischees von Kuba konfrontiert. Wir blicken in eine antike Apotheke, in welcher sich Porzellandosen stapeln. Es scheint unvorstellbar, dass dies kein Museum ist. Nebenan dröhnt aus eine Bar live gespielte, unverstärkte Musik. Auf der Strasse tuckert ein alter amerikanischer Oldtimer, dicht gefolgt von einer Pferdekutsche. Eine dunkelhäutige Kubanerin posiert in schönster Kleidung – natürlich nicht ohne Zigarre. Anstatt „Ausverkauf“ oder „Aktion“ kleben hier Blätter mit der Aufschrift „Unsere Stärke ist die Einheit“, „Es lebe Che!“ oder „Danke Comandante“. Es scheint, als ob die Zeit eben stehen geblieben wäre.

Beim Versuch, eine Flasche Wasser zu kaufen, werden wir von einer Kubanerin angesprochen. Nach einer anfänglichen Freundlichkeit wechselt der Ton rasch, ob wir nicht etwas Geld hätten um Milch für ihr Baby zu kaufen. Tja, der Tourist ist auch hier als guter und spendabler Geldgeber bekannt geworden.

Doch irgendetwas ist hier mit dem Spanisch geschehen. Obwohl wir jetzt schon einige Monate Spanischerfahrung haben, verstehen wir am Anfang nur Bahnhof. Viele Wortlaute werden verschlungen oder vernuschelt. Unser Ohr muss sich wohl erst ein wenig daran gewöhnen.

Der Musik kann man sich in dieser Stadt nicht entziehen. In jedem Restaurant wird die landestypische Musik gespielt. Auch wenn das Essen aufgrund fehlender Zutaten nicht immer brilliant ist, die Stimmung ist dank Musik, Salsa, Rum und Zigarren immer gut. Es sind denn auch diese Dinge, für die Kuba berühmt ist. Kein Wunder also gibt es in der Hauptstadt ein Museum des berühmten Havana Club Rums. Die Herstellung dessen ähnelt dabei sehr der Produktion des mexikanischen Tequilas. Zum Abschluss gibt es auch hier eine kleine Kostprobe. Ein 7-jähriger Rum wärmt uns Gaumen und Rachen. Die Nummer auf der Flasche  bedeutet indes nicht, dass das Getränk sieben Jahre gelagert wurde, sondern lediglich das der jüngste Rum der Mischung dieses Alter besitzt.

Auch lernen wir, welche Zutaten im ursprünglichen Mojito verwendet werden. Dieser wurde vor 75 Jahren in der Bar „Bodeguita del Medio“ in der Innenstadt erfunden. Wir bemerken schnell, dass im hiesigen Rezept mehr als das doppelte an Rum verwendet wird als bei uns. Kein Wunder, denn in Kuba kostet dieser nur etwas mehr als ein Süssgetränk.

Obwohl man in Havanna wohl locker eine Woche verbringen kann und trotzdem immer wieder etwas Neues entdeckt, werden wir am nächsten Morgen von einem Sammeltaxi abgeholt. Dass wir in einem Oldtimer nach Viñales, in den Nordwesten der Insel chauffiert werden, hätten wir jedoch nicht gedacht. Die Fahrt führt uns über eine sechsspurige Strasse, auf welcher sich für uns viel Ungewohntes bewegt. Fahrräder, die sich von Autos ziehen lassen, Kutschen, Männer hoch zu Pferd, natürlich die bekannten Oldtimer und Tiere welche gemütlich die Strasse queren. An Auffahrten stehen jeweils viele Kubaner, mit Geldscheinen winkend, welche versuchen eine Mitfahrgelegenheit zu ergattern. Autos fahren hier selten halb leer durch die Gegend, umgebaute Lastwagen dienen als Busse und selbst auf Transportern findet man Passagiere zwischen Grünzeug, Strohballen oder was eben gerade transportiert wird.

Viñales ist für seine Natur und Felsformationen berühmt. Der fruchtbare Boden und das passende Klima liefert auch den besten Tabak des Landes. 90% der angebauten Pflanze liefern die Bauern an den Staat, welcher den Tabak zu überteuerten Exportzigarren verarbeitet. Die restlichen 10% rauchen die Bauern teils selbst oder verkaufen sie den Touristen. Klar macht auch unsere Tour bei einem kleinen Betrieb halt. Nach dem Degustieren, was für Nichtraucher wie uns nicht unbedingt die leckerste Angelegenheit ist, gibt es die Zigarren in verschiedensten Packungsgrössen zu kaufen.

Unser Ritt geht weiter durch die grüne, hüglige Natur. Gerne wäre ich mit meinem „Dorado“ noch etwas galoppiert, doch unser Guide fordert uns auf, zusammen mit „Mojito“ und „Cuba Libre“ der lahmen Gurke namens „Pepino“ hinterher zu trotten.

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