Von Semuc Champey nach Tikal

Wir kommen gerade rechtzeitig zum Mittagessen, es scheint, als habe man uns bereits erwartet. Kaum sind wir drin, stürzen sich unzählige der kleinen Tierchen auf uns. Fischfutter, so fühlt es sich also an. Für einmal dreht sich die Nahrungskette um – nicht wir essen Fisch, die Fische essen uns. Es kitzelt, zwickt und treibt uns das Lachen ins Gesicht. Mit ihren winzig kleinen Beisserchen knabbern sie uns eifrig die vielen Hautschüppchen weg, während wir in den türkisblauen Becken des Fischspas von Semuc Champey sitzen. Hierbei handelt es sich nicht um ein eigentliches Spa, vielmehr ist es ein beeindruckendes Naturwunder inmitten des Dschungels.

Semuc Champey bedeutet auf deutsch soviel wie „dort, wo das Wasser in der Erde verschwindet“.
Ziemlich treffend, schliesslich teilt sich hier der Fluss in zwei Läufe. Während sich die Wasserbecken durch seitliche Zuläufe füllen, fliesst der Fluss Cahabón unterirdisch hindurch. Umgeben von einer atemberaubenden Vegetation geniessen wir das Bad im kühlen Nass und erfreuen uns erneut über die Entdeckung der Brüllaffen kurz nach Ankunft im Park. Frei und unbeirrt suchten sich diese ihren Weg durchs dichte Geäst.

Da wir auf eine vorgefertigte Tour verzichtet haben, sind wir beim Rückweg, anders als beim Hinweg, ebenfalls frei. Umgeben von Gitterstangen wurden wir nämlich wie Kleinvieh gemeinsam mit etlichen Tourenteilnehmer nach Semuc Champey verfrachtet. Bei einer Affenhitze nehmen wir nun den etwa 10 Kilometer langen Rückweg nach Lanquín unter die Füsse. Die Einheimischen wundern sich über unser Vorhaben, denn wer in Guatemala genügend Geld besitzt, geht längere Distanzen nicht zu Fuss. Freundlich lehnen wir jedes gut gemeinte Transportangebot ab und amüsieren uns über die Reisewarnungen der Auslandsbehörden. Im Gegensatz zu anderen, entwickelteren Ländern, haben wir uns in Guatemala zu keiner Zeit unsicher gefühlt. Die Menschen sind uns stets hilfsbereit, offen und höflich begegnet.

Nach einer 11-stündigen Fahrt erreichen wir die Insel Flores inmitten des Petén-Itzá Sees unbeschadet. Ganz im Gegensatz zu zweier Pneus des Minibusses, welche auf der Strecke ihr Leben lassen mussten. Die platten Reifen wurden durch unseren Chauffeur zwar prompt ersetzt, dennoch lässt der Zustand der neuen Pneus zu wünschen übrig. Hier wird geflickt was das Zeug hält, solange sich noch Gummi am Pneu befindet, wird dieser benutzt.

Flores gilt als der Ausgangspunkt nach Tikal, einer der wohl bedeutendsten Mayastätten der Welt. Kaum auf der Insel angekommen, werden wir von allen Seiten mit Ausflugsangeboten für den nächsten Morgen überhäuft. Wir lassen es jedoch langsam angehen und geniessen die Tage in und um den See. Schwimmen, Kajakfahren und ein Spaziergang durch den Dschungel steht auf dem Programm. Nebenbei erfreuen wir uns über einen Haufen frisch duftender und gewaschener Kleidung. Was für ein Luxus!

Mit sauberen Kleidern ausgerüstet, zieht es uns schliesslich nach Tikal. So zumindest die Idee. In der Praxis siehts etwas anders aus. Mit gepackten Koffern und Rucksäcken sitzen wir da und warten.. und warten. Nach einer Stunde erkundigen wir uns beim Transportanbieter, wo der Bus wohl bleiben mag. Dieser kontaktiert den zuständigen Chauffeur und bringt schliesslich etwas Licht ins Dunkel. Der Chauffeur hat uns schlicht und einfach vergessen. So werden wir zwei Stunden später von einem Privattransporter abgeholt und erreichen Tikal doch noch am selben Tag.

Was ursprünglich als Unterkunft für Archäologen gedacht war, ist mittlerweile ein beliebtes Hotel für Touristen. Die nächsten beiden Nächte verbringen wir also in einem Bungalow inmitten des Dschungels und werden abwechselnd vom lauten Gebrüll der gleichnamigen Affen oder dem unüberhörbaren Schnarchen unseres Nachbarn geweckt.

Aufgeregt starten wir in den nächsten Tag. Auf unseren Reisen haben wir nun schon einige  Mayaruinen zu Gesicht bekommen, jede auf ihre Weise speziell. Es gibt die Grosse und Weite, die Touristische, die verwilderte Grüne, die am Meer gelegene, die auf dem Berg oder die Karge. Was uns hier erwartet, wissen wir lediglich aus Erzählungen oder Geschriebenem. Wir lassen uns überraschen.

Von dem oft erwähnten Touristenrummel kriegen wir reichlich wenig mit. Auf einem schmalen Pfad suchen wir uns unseren Weg quer durch den Dschungel und plötzlich stehen wir am Fusse des höchsten Gebäudes von Tikal: 64 Meter ist er hoch der „Templo IV“. Nach einem kurzen Aufstieg geniessen wir den weiten Ausblick. Das Ausmass der Stätte zeigt sich nun, denn über den Baumwipfeln ragen etliche weitere Tempel heraus. Während andere Touristen bereits beim Emporsteigen ins Schwärmen geraten, bleibt bei uns der „Wow-Effekt“ irgendwie aus. Die Umgebung ist schön, ohne Zweifel. Die Ruinenstätte ist beeindruckend, klar. Ist es möglich zu viele Mayaruinen besichtigt zu haben? Es scheint so. Nebst den Tempeln werden wir wohl vor allem das nächtliche Gebrüll unserer Artgenossen in Erinnerung behalten.

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