Chiapas

Und wieder einmal stehen wir frühmorgens an einem Busbahnhof. Einen Wecker brauchen wir nicht, denn nach der langen, kalten Nacht im Bus sind wir froh, endlich in San Cristóbal de las Casas angekommen zu sein. Doch mit aufwärmen ausserhalb des klimatisierten Busses ist vorerst nichts.

Der Nebel hängt tief über der Stadt. Nebel. Den haben wir nun schon lange nicht mehr gesehen. Die graue Masse verschlingt die vielen Farben und dämpft das frühe Morgenlicht. Eingelullt in die Daunenjacke und Mütze geniessen wir die Stimmung und freuen uns über das etwas andere Wetter. Während die Stadt erwacht, marschieren wir durch die Gassen und schrecken schlussendlich den Rezeptionisten unseres Hostels auf. Auch er sitzt dick eingepackt hinter dem Schreibtisch und gibt uns leicht genervt zu verstehen, dass an ein Einchecken bis um 13:00 Uhr nicht zu denken sei. Na Bravo!

Müde von der 10-stündigen Fahrt sitzen wir also an einem Tisch und warten. Geheizte Räume gibt es nicht. Das eine oder andere Mal schleicht ein müder Gast aus einem der Mehrbettzimmer hinaus. Mit dem Gedanken, dass der Rezeptionist vielleicht ein Morgenmuffel ist, frage ich einige Zeit später, ob es wirklich nicht möglich sei, schon früher einzuchecken. Er schaut unsere Reservation an und bemerkt, dass wir schon einen Tag früher reserviert hätten. Die Info, dass wir den Aufenthalt um einen Tag verschoben haben,  hat er wohl nie gekriegt.

Ein Zimmer steht also für uns seit dem Vorabend bereit. Trotzdem lässt er mich abblitzen und meint, einchecken sei erst ab 13:00 Uhr. Vielleicht gehe es ja in einer halben Stunde, fügt er an und verzieht sich wieder in seine Jacke. Wir beschäftigen uns derweil mit den herumliegenden Hunden und Tourenangeboten des Hostels. Weshalb wir dann kurz nach acht Uhr bei demselben Mitarbeiter plötzlich doch einchecken und uns im warmen Schlafsack unter der dicken Decke schlafen legen können, bleibt uns noch lange ein Rätsel.

San Cristóbal de las Casas liegt im Bundesstaat Chiapas. Dieser gilt als der ursprünglichste und auch ärmste von ganz Mexiko. So ursprünglich, dass hier über 300’000 Einheimische kein Spanisch beherrschen. Sie sprechen wie viele andere „Tzeltal“ oder „Tzotzil“, die Sprachen der Mayas. Für uns klingt dies eher etwas Osteuropäisch. Nicht nur einmal glauben wir, dass nebenan wohl ein russisches Pärchen diskutiert, bis wir unsere Köpfe drehen und eines Besseren belehrt werden.

Um noch tiefer in diese Region eintauchen zu können, begeben wir uns mit einem Colectivo zum benachbarten Dorf San Juan Chamula. Nebst einem grossen Markt zieht die Kirche in- sowie ausländische Touristen an. Wer nicht herkommt, um eine Zeremonie durchzuführen, muss einen kleinen Eintrittspreis bezahlen. Da wir schon diverse grössere und auch kleinere Kirchen gesehen haben, frage ich mich, wo denn hier wohl der Unterschied liegen würde. Diese Kirche hat nur wenige Fenster. Dunkel ist es trotzdem nicht, denn tausende Kerzen erhellen das Innere. Kirchenbänke existieren nicht, dafür ist der komplette Boden mit Kiefernnadeln ausgelegt, welcher wohl den Wachs etwas auffangen soll. Der Geruch erinnert mich an Weihnachten. Eine kleine Familie sitzt am Boden und hat mehrere Reihen Kerzen aufgestellt. Davor stehen zwei kleine Flaschen Sprite und Cola. Ein Schamane murmelt vor sich hin und wischt dem Jüngsten der Familie mit einem lebendigen Huhn über den ganzen Körper.

Es ist ein traditionelles Ritual der Tzotzil. Die kohlensäurehaltigen Süssgetränke erleichtern dem Schamanen das Rülpsen. Dies beschwört die Dämonen, vom Körper eines betroffenen Menschen auf den Körper des lebendigen Huhnes überzugehen. Nach der Zeremonie wird das Huhn mit den bösen Geistern geschlachtet. Die Dämonen des Jungens sind also wohl gerade dabei auf das Huhn überzusiedeln. Bei der Familie nebenan weiss das Flügeltier wohl genau, was ihm blüht. Es geniesst offensichtlich die letzten Stunden oder besser Minuten und liegt entspannt im Kerzenlicht.

Tausende Bilder drängen sich in unsere Köpfe und es ist eine der ersten Kirchen, in welcher ich wohl stundenlang hätte beobachten können. Inmitten der Kirche werden immer neue Kerzenreihen aufgestellt, nebenan wird der geschmolzene Wachs vom Boden gekratzt. Dazwischen werden Touristen zurecht gewiesen, ihre Kameras wieder zu versorgen. Beim ersten Mal noch freundlich, danach verändert sich der Ton rasch.
Denn die Tzotzil der Umgebung sind berüchtigt dafür, ihre traditionelle Kultur und Religion strikt gegen äussere Einflüsse zu verteidigen. Die Verteidigung geht so weit, dass Chamula autonom verwaltet wird. Nach kritischen Äusserungen des Bürgermeisters wurde dieser kurzerhand erschossen.

Es ist dieser Umstand, welcher uns unter anderem von einem Ausflug nach Palenque, einer der wichtigsten Mayaruinen von ganz Mexiko, abhält. Denn die indigene Bevölkerung richtet immer wieder Strassensperren ein, welche das Reisen in Chiapas erschwert. Normalerweise reicht ein kleines Entgelt, quasi ein Wegzoll, um die Strassenblockaden zu passieren. Von Zeit zu Zeit artet eine solche Situation jedoch aus und macht so das Reisen unberechenbar. Gerade jetzt sollen die Sperren wieder sehr verbreitet sein.

So verweilen wir in San Cristóbal, schlendern mehrere Male über den Markt und wimmeln immer wieder die meist jungen Strassenverkäufer ab. Als wir bei einem der mobilen Orangensaftverkäufer unsere tägliche Vitamindosis bestellen, versucht eine ältere Dame mit einem kleinen Mädchen auf dem Rücken uns die hier verbreiteten Halstücher/Umhänge zu verkaufen. Nach einem weitere „No, gracias“ schaut sie mich mit grossen, traurigen Augen an und traut sich kaum zu fragen, ob sie etwas Orangensaft haben könnte. Für 75 Rappen hält sie kurz darauf ihren eigenen grossen Becher in der Hand. Ihr Gesichtsausdruck drückt ihre Dankbarkeit mehr aus als sämtliche Worte. Dankend und winkend läuft sie mit der Kleinen davon. Wir treffen die beiden kurze Zeit später auf einer Sitzbank wieder. Den Saft beinahe schon leer getrunken, grinst uns das Mädchen zufrieden entgegen. Es sind immer wieder kleine Begegnungen mit den Menschen, die einem einen ganzen Tag versüssen.

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