Zurück an die Küste

Zurück an die Küste

Plötzlich steht er da. Gemütlich trottet er um die Kurve, seine Pranken finden sicheren Halt auf der vereisten Strasse. Eine Frau hat uns kurz zuvor noch gewarnt, wir sollen in den nächsten zwei bis drei Kurven wachsam sein. Doch damit haben wir nicht gerechnet. Die Überraschung ist gelungen. Aber, müsste der denn nicht im Winterschlaf sein?

Der ausgewachsene Schwarzbär schaut uns verduzt an und kommt schliesslich ein paar Schritte rennend auf uns zu. Mir wird etwas mulmig. Würden wir im Auto sitzen, wäre es halb so tragisch. Doch die Strasse im Sequoia Nationalpark ist wegen Eis und Schnee geschlossen. So sind wir zu Fuss unterwegs zum Moro Rock. Ich entferne mich davon aber eben gerade wieder einige Schritte. Marilyne hingegen nutzt das kurz zuvor erlernte Wissen, was zu tun ist, wenn man einem Bären begegnet: Sie streckt die Hände nach oben, macht sich gross und macht lärm. Tatsächlich, der Bär wendet sich ab und tatzt gemütlich durch den Wald davon. Mannomannn, was für eine Begegnung. Ein Moment, indem Angst, Respekt und Neugier zusammen treffen. Gerne wäre man den Bären los und trotzdem möchte man ihn aus nächster Nähe sehen.

Das wir auf unserem Spaziergang noch Rehen, Hirschen und Eichhörnchen begegnen, wird zur schönen Nebensache. Ebenso das Betrachten der grössten Bäume der Welt. Der „General Sherman“ zum Beispiel ist der Baum mit dem grössten Volumen. Als wir vor ihm stehen, kommen wir uns schon ziemlich klein vor. Kein Wunder, bedenkt man, dass in seinem Stamm Wasser für ein tägliches Bad für die nächsten 40 Jahre Platz hätte. Trotzdem: unsere Gedanken kehren immer wieder zum Bäri in der verschneiten Natur zurück.

Kaum zu glauben, dass wir noch zwei Tage zuvor in einem grandiosen Stau gesteckt haben. Was wir bei uns als Osterstau kennen, tritt hier offenbar nach Thanksgiving ein. Eben diesem Familienfest, wo abertausende Truthähne geschlachtet, gestopft, gebraten und dann verspiesen werden. Doch danach geht die Blechlawine los. Und wir mittendrin: Von Las Vegas in Richtung Westküste scheint der Stau besonders zäh zu sein. So haben wir genügend Zeit um die Fahrsitten der Amerikaner und deren Fahrzeuge genauestens zu studieren.
Als ich 2010 das erste Mal in Amerika war, habe ich den Fahrstil als sehr rücksichtsvoll und äusserst angenehm wahrgenommen. Ja, wie es aussieht, war das einmal. Der Blinker ist eine (meist nicht entdeckte) Dekoration am Auto. Das Licht wird, wenn überhaupt, nur auf der Parkstellung eingeschaltet – dumm nur, dass diese teils die Rücklichter nicht aktiviert. Lücken werden da gefunden, wo definitiv keine sind/wären und die Abstände, welche zwischen den Wagen gelassen werden, wären wohl im Zeitalter der Postkutschen noch knapp genügend gewesen. Die wären jedoch spurtreu gefahren und hätten eine gewisse Fahrassistenz. Die Mehrheit der Lenker könnten eine solche bestens gebrauchen, denn sie selbst müssen sich ja jeweils um ihr Smartphone kümmern. Kein Wunder also liegen bei uns teilweise die Nerven etwas blank. Tja, wo die Auto- und Lichthupe sitzt, dass wissen wir nun.

Uns tut es dementsprechend gut, an der Westküste wieder etwas Abstand zur Strasse zu kriegen. Das geht nirgends besser als auf einem Boot. Exakt ein halbes Jahr nach Australien wagen wir erneut einen Ausflug um Wale zu beobachten. Monterey gilt da als ganzjährig zuverlässigen Ausgangspunkt. Am Fisherman’s Wharf streiten sich auch entsprechend viele Tourenanbieter um die Kunden. Ein hartes Geschäft, doch mit Freundlichkeit erreicht man viel. Als uns die eisige Ausstrahlung einer Verkäuferin fast wieder rückwärts zum Schuppen heraustreibt, hat es der nächste Anbieter relativ leicht. Tags darauf stehen oder besser gesagt sitzen wir an Bord des Schiffs und sehen knapp 10 Wale. Leider nur aus einiger Distanz, die Sichtung aus nächster Nähe bleibt leider aus. Anstellte der erhofften Wale taucht wie aus dem Nichts ein Seelöwe neben dem Boot auf. Der Clown unter den Merestieren schaut mich mit seinen schwarzen Kulleraugen an, als wüsste er, dass ich den Nachmittag beim Zahnarzt verbringen werde. Denn wieder einmal hat mir ein Kaugummi einen Streich gespielt.

Während der nächsten Tage geht es entspannt dem Highway 1 in Richtung Süden entlang. Hier auf dem hügeligen und kurvigen Abschnitt der Strasse hat es mehr Touristen als Einheimische unterwegs. Diese haben bekanntlich meist mehr Zeit und möchten etwas von der Natur sehen. Seelöwen und Seeelefanten zum Beispiel. Kurz vor San Simeon (ja, der Name ist mir komischerweise geblieben..) liegen diese tonnenweise am Strand. Wortwörtlich. Die grössten Robben der Welt tun sich schwer damit, sich in einem Zug vom Meer an ihren definitiven Liegeplatz zu hieven. Einmal da angekommen, quetschen sie sich zwischen ihre Artgenossen und machen sich ein Spass daraus, mit den Flossen Sand auf den Rücken zu schaufeln. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ob der kuschlige Nachbar etwas davon in die Augen kriegt, ist egal. Wenn es einem auf dem Bauch nicht mehr wohl ist, wird gedreht. Manchmal muss der nebenan halt etwas mitgedreht werden. Und wenn sich der Darm bläht, dann kann man nur hoffen, das der nächste Kopf nicht gerade da liegt, wo – ja ihr wisst schon. Der Platz ist rar auf dem schönen Strand. Und wer will schon den zwei kämpfenden Kumpanen in die Quere kommen?

Simon
Reist und fotografiert leidenschaftlich gerne. Hat sich von seiner Spiegelreflexkamera verabschiedet, um sich eine reisetaugliche Fujifilm zu kaufen

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