Closed for season

„Closed for Season“. Dieses Schild oder diese Bemerkung sehen wir seit San Francisco ziemlich oft. Wer das auf seiner Reise sieht, kann sicher sein, in der Nebensaison gelandet zu sein. Und im Winter. Viele Campingplätze haben ihre Wasserleitungen geleert und die Türen verschlossen. Besucherzentren haben, sollten sie noch geöffnet sein, die Angestelltenzahl reduziert und führen notwendige Reparaturarbeiten durch. Tangiert hat uns dieser Umstand selten. Bis jetzt. Wir stehen am Eingang des Mesa Verde Nationalparks. Der einzige Park in Amerika, welcher zum Schutz von archäologischen Stätten erschaffen wurde. Vor etwa 800 Jahren wurden hier Behausungen in die schützenden Felsen gebaut. Bis zu vier Stockwerke hoch stehen die Häuser in den Felsspalten. Drei davon sind für den Besucher zugänglich. Über Leitern und Tunneln gelangt der Abenteurer mit der Begleitung eines Rangers in das Innere der Behausungen. Eigentlich. Doch eben, bei uns heisst es: „Closed for Season“. Die Tourenschalter im Visitorcenter sind leer. Nächsten Frühling sind sie zurück, heisst es. Immerhin können wir mit dem Auto eine kleine Rundtour machen und diese sogenannten „Cliff Dwellings“ aus der Ferne anschauen, bevor wir uns zur Wildweststadt Durango begeben.

Die erste grössere Stadt, seit wir Las Vegas verlassen haben. Nachdem wir uns im Motel frisch gemacht haben, geraten wir auf dem Weg in das Stadtzentrum in eine Demonstration. Es dauert eine Weile bis wir das Anliegen der Menschen begreifen. Denn nicht selten sieht man hier Menschen an einer Kreuzung, die mit einem Schild um Geld betteln oder ihre Meinung kundtun. Doch diese Menschenmenge ist anders. Frauen, Männer, Kinder. Das Durchschnittsalter ist tief, die Botschaft ist klar: „Love Trumps Hate“ und „Not our president“. Selbst in der eher republikanisch scheinenden Gegend ist man mit der eben vergangenen Präsidentschaftswahl überhaupt nicht zufrieden. Hier werden wir das erste Mal mit den Wahlen konfrontiert. Beim überfälligen Friseurbesuch bei der alten Dame von nebenan, sowie im Saloon, ist davon aber bereits nichts mehr zu merken. Bei beiden Lokalen fühle ich mich eher in der Zeit zurückversetzt. Im originalgetreuen, viktorianischen Saloon werden wir von einer mit Federboa und Netzstrümpfen verkleideten Bardame bedient. Ich warte nur darauf, dass ein Cowboy mit seinem Pferd durch die Türe reitet und eine kleine Schiesserei beginnt. Doch auch dies ist „Out of Season“, denn im Sommer bietet der Saloon tatsächlich ein solches Spektakel.

Weiter ostwärts nutzen wir die Gunst der Stunde und lassen den Supermoon für uns scheinen. Wir sitzen hoch über dem San Luis Tal an der Feuerstelle und hören dem brennenden Holz des Lagerfeuers  zu. Erwärmt dank Feuer und Rotwein geniessen wir den Abend bis tief in die Nacht. Das Aufstehen am nächsten Morgen fällt dementsprechend schwer. Nach einer holprigen Fahrt zurück zur Hauptstrasse taucht unser angesteuertes Ziel wie aus dem Nichts auf: Sanddünen. Ebenso plötzlich springt eine Herde Gabelböcke vor uns über dir Strasse. Vor den höchsten Sanddünen von ganz Nordamerika geben diese ein wahnsinnig gutes Bild ab. Dank zweier Flüsse, welche die Dünen umspülen und stets Sedimente anschwemmen, wachsen die Sandhügel stetig weiter. Doch zum Winterbeginn sind auch diese Wasserquellen beinahe versiegt. Erst beim anstrengenden Besteigen der Dünen erblicken wir ein kleines Wasserloch. Kaum vorstellbar, dass hier in den Sommermonaten Kinder im erfrischenden Strom plantschen. Doch die Kulisse des Great Sanddunes Nationalpark bleibt auch so gewaltig.

Auf der Weiterfahrt ändert sich vieles auf einen Schlag. Die Strassen werden etwas schlechter, die Gebäude ründlicher und bunter. Der Radiosender, der urplötzlich auf spanisch seine News verbreitet, gibt die Gewissheit, dass wir eben die Bundesstaatsgrenze zu New Mexico überquert haben. Santa Fe, die grösste Stadt der Region ist auch alles andere als Amerika. Häuser in Sandtönen, bunte Strassenkunst, vorwiegend mexikanische Restaurants und unzählige Schmuckläden prägen das Stadtbild. Vor 200 Jahren wurden die Indianer aus vielen Teilen von Amerika vertrieben. Die meisten landeten in New Mexico. Kein Wunder also, platzt die Stadt fast vor indianischem Schmuck. Doch schon nach dem dritten Laden sind unsere Sinne überfordert. Leckere Fajitas zum Mittagessen schaffen hierbei die ersehnte Abhilfe.

Santa Fe ist der für uns am weitesten von Las Vegas entfernte Punkt. Ab sofort befinden wir uns wieder auf dem Rückweg Richtung Westküste. Unser Auto hat damit ziemlich zu kämpfen. Jedoch nur wegen des Windes. Als wir beim Frühstück die Windwarnung im Fernseher gesehen haben, lachten wir noch darüber. Nun fegt der Wind über die Interstate, aufgewirbelter Sand legt sich als dicke Wolke über die Strasse, Büsche rollen wie in Wildwestfilmen umher und Lastwagen schwanken mit eingeschalteten Warnblinkern langsam auf der rechten Spur.Der Wind lässt erst etwas nach, als wir auf die nicht asphaltierte Strasse in Richtung „Ah-shi-sle-pah“ abbiegen.
Der Ort verspricht pilzartige Gesteinsformationen. Ein ziemlich unbekannter und demnach auch unberührter Ort. Zu Unrecht, wie wir finden. Mehrere Herden wilder Pferde zeigen uns bei der Hinfahrt wer hier zu hause ist. Wir werden von den Tieren wie Ausserirdische begutachtet (ist ja nicht von der Hand zu weisen mit solch einem Gefährt). Plötzlich halten die Pferde Inne und rennen wie auf Kommando quer durch die Prärie. Ein wunderbarer Anblick.

Lange Zeit deutet nichts auf diese Ah-shi-sle-pah, die Gesteinsformationen, hin. Es scheint als würde Marilyne an ihren Recherchen zu zweifeln beginnen, denn die Landschaft ist topfeben und so ungewöhnlich uninteressant. Plötzlich öffnet sich die Erde. Wir sind genau richtig. Die Hoodos schiessen wie Pilze aus dem Boden. Während uns der Wind nach wie vor fies um die Ohren bläst, starten wir ein kleines Fotoshooting.

Simon
Reist und fotografiert leidenschaftlich gerne. Hat sich von seiner Spiegelreflexkamera verabschiedet, um sich eine reisetaugliche Fujifilm zu kaufen

1 Kommentar

  1. Rupp 3 Jahren vor

    Hoi zäme, e schöne Bricht Simon, wünsche öich no e gueti Reisezyt.Fröie üs uf di nächschte Informatione vo öich.Lg Jüre u Esther

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