Upolu

Die Wolken hängen tief, der nasse Asphalt reflektiert die Umrisse vom Wagen. Das Pferd jedoch schaut mit stolz erhobenem Haupt in die eingeschlagene Richtung. Die Flügel schimmern blau. Moment. Flügel? Aber alles der Reihe nach.

Im Endanflug auf den Faleolo Airport, dem internationalen Flughafen von Samoa, bricht die Wolkendecke. Es scheint als hätten wir das schlechte Wetter aus Fiji eingepackt und nun aus dem Gepäckfach freigelassen.
Mit dem Rucksack am Rücken versuchen wir, den vielerorts beschriebenen Flughafenshuttle zu finden. Normale Busse fahren hier nämlich schon nicht mehr. Obwohl erst kurz nach fünf Uhr nachmittags ist. Ein etwas aufdringlicher Taxichauffeur versucht uns glaubhaft zu machen, dass dieser Shuttle auch nicht mehr fährt. Jaja, diese Masche kennen wir. Wir schlagen einen unrentablen Preis vor und hoffen, dass er uns in Ruhe lässt. Doch die Samoaner ticken wohl anders als die Asiaten. Oder der Fahrer will einfach wieder in die Stadt. Wir sollen einfach den Preis niemandem verraten! Nach kurzer Absicherung, dass er in der Landeswährung berechnet und nicht plötzlich auf US-Dollar wechselt, sitzen wir in seinem Auto. Er stellt sich vor und entschuldigt sich für sein gebrochenes Englisch, bevor er das Taxi in Bewegung setzt. Ein silbernes Pferd mit blauen Flügel dekoriert die Kühlerhaube. Auf den durchtränkten Rasenflächen wird Rugby gespielt, vor den Häusern hilft die gesamte Familie mit Rechen und Besen den Garten nach dem Niederschlag wieder auf Vordermann zu bringen. Trotz des tristen Wetters hat uns Samoa vom ersten Augenblick begeistert. Farbige Wimpel schmücken die Strasse kilometerlang, viele Gärten und Einfahrten sind mit weiss bemalten Steinen fein säuberlich markiert, Kinder winken uns lachend hinterher. Hier ist man froh, dass es endlich geregnet hat.
Aniva, unsere Gastmama auf der Hauptinsel Upolu kann sich nicht mehr genau erinnern wann es das letzte Mal so geregnet habe. Na super. Trotzdem, ein riesiger Unterschied zu Fiji: Es ist drückend warm. Der Deckenventilator dreht die ganze Nacht seine Runden und fächert uns kühle Luft zu. Bis uns die Hähne frühmorgens aus dem Schlaf krähen. Die Wolken sind gewichen, nun brennt uns die Sonne gnadenlos auf den Schädel. Wir geben bei der Stadterkundung klein bei und setzen uns wie viele Einheimische in den Park. Hier wird Volleyball gespielt, da Basketball. Kleine Grüppchen essen zusammen ihr Mittagessen oder plaudern. Hier weiss man noch, wie diskutieren geht. Ein Handy ist weit und breit nirgends zu sehen. Kinder jagen ihrem Ball hinterher. Strahlen uns dabei an. Fallen hin. Stehen wieder auf, ohne eine Miene zu verziehen. Wir hingegen kämpfen gegen die für uns wieder ungewohnte Hitze. Der Körper rebelliert. Und setzt uns kurzerhand für einen kompletten Tag ausser Gefecht. Zum Glück fällt der Tag auf einen Sonntag. Da geht abgesehen vom Gottesdienst sowieso gar nichts mehr. Es verkehren keine Busse, Läden und Restaurants bleiben geschlossen. Sonntag ist hier eben ein Ruhetag. Auch für uns.

Wir befinden uns im Cultural Village. Die Tourismusbehörde versucht den Besuchern die samoanische Kultur näher zu bringen. Ein leises Klopfen aus einem der Fales, einem traditionellen, offenen Gebäude, begleitet die Erklärungen des Guides. Samoa gilt als Ursprung der Tattookunst. Das Wort „Tattoo“ selbst entstammt aus dem samoanischen „Tatau“, was soviel wie „Respekt“ bedeutet. Anders als bei uns hat die Körperbemalung keinen modischen Hintergrund. Wir beobachten den Künstler, wie er einer jungen Frau ein Tattoo verpasst. Sie kaut sich auf den Lippen herum, verkrampft sich, wenn die füllfederbreite Nadel in die Haut dringt. Sechs Stunden dauert die Anfertigung eines Tattoos für die Frau, dem „Malu“, welches sich auf die Oberschenkel beschränkt. Sechs Stunden Schmerz. Die Tränen scheinen nah, ihre Mutter sitzt daneben und hilft ihr, die Tortur zu überstehen. Ist das Kunstwerk einmal begonnen, gibt es kein Zurück mehr. Die Schande über ein nicht fertiggestelltes Tattoo ist riesig. Im Kopf drehen sich die Gedanken wohl nicht nur um den Schmerz. Um Infektionen zu vermeiden stehen vier Nächte auf einer gewobene Matte, ohne Decke bevor. Alle vier Stunden müssen die Wunden kalt abgespült und geschrubbt werden, denn die hohe Luftfeuchtigkeit und die Temperaturen verhindern eine schnelle Wundheilung. Die junge Frau kann sich glücklich schätzen. Sie befindet sich in den Händen eines guten Künstlers. In ganz Samoa können ausschliesslich zwei Familienstämme zu Tätowierern werden. Assistieren dürfen lediglich die engsten Verwandten derselben Familie, welche das Ritual des Tattoos ebenfalls durchlebt haben. Die Männer wissen also wovon sie sprechen. Die Körperbemalung für die Männer beginnt etwa auf Nierenhöhe und zieht sich bis in die Kniehöhle. Hinten wie Vorne, inklusive Bauchnabel. 12 Sitzungen dauert es, bis das „Sona’imiti“, das Tattoo der Männer, fertiggestellt ist. Ein Abbrechen gibt es auch hier nicht. Denn die Körperkunst gilt als ein Zeichen von Stärke und Willenskraft. So wird sich auch die junge Frau bis zum Ende durchbeissen müssen.

Während über Apia ein allabendliches Gewitter hereinzieht, schmieden wir die Pläne für den nächsten Tag. Wir geben dem chaotischsten Bussystem, welches wir bis anhin gesehen haben, eine weitere Chance. Nach vielen Fragen und ganz viel Geduld finden wir den richtigen Bus. Ein Lastwagen mit einer aufgesetzten, farbigen Gästekabine komplett aus Holz. Das Innere ist wild geschmückt, eine überdimensionale USA-Flagge hängt über dem Fahrer. Das Autoradio dreht die Reggaemusik bei jeder Erschütterung selbstständig etwas lauter. Kurze Zeit später rutschen wir in einem kleinen, natürlichen Wasserpark über die mit Moos bewachsenen Steine. „Sliding Rock“ nennt sich diese spassige Sehenswürdigkeit. Wir sliden von einem Becken ins andere und geniessen die etwas andere Abkühlung im kühlen Flusswasser. Für den nächsten Tag mieten wir uns ein Auto, denn die Sehenswürdigkeiten liegen verteilt auf der Insel und sind mit dem Bus nur schwer zu erkunden. Wir spazieren auf dem Coastal Walk der atemberaubenden Küste entlang und geniessen eine Erfrischung im türkisfarbenen Wasser des „To Sua Ocean Trench“, ein Erdloch gefüllt mit Meerwasser. Beim Lalomanu Beach, der als schönster Strand Samoas gilt, lassen wir uns schliesslich die Sonne ins Gesicht scheinen ehe wir wieder zurück nach Apia fahren.

Simon
Reist und fotografiert leidenschaftlich gerne. Hat sich von seiner Spiegelreflexkamera verabschiedet, um sich eine reisetaugliche Fujifilm zu kaufen

0 Kommentare

Kommentar verfassen