Kupang im Zeichen der Bildung

Kupang im Zeichen der Bildung

Wir sitzen hinter dem maroden, hölzernen Lehrerpult. Die Luft ist heiss und stickig. Die Schüler sprechen leise miteinander, nicht wenige schauen uns erwartungsvoll an. Irgendwie bin ich etwas aufgeregt, die Hände sind etwas schwitzig. Ich werde unweigerlich in meine Schulzeit zurückversetzt. Der Moment indem dir bewusst wird, dass du in Kürze einen Vortrag vor der gesamten Klasse halten musst und dich fragst, ob du den Text wohl noch weisst.

Ich erinnere mich zurück an den Zeitpunkt, als wir unsere grosse Reise geplant haben. Schnell wurde klar, dass wir möglichst ohne Flugzeug reisen wollen. Doch nicht um jeden Preis, sagen wir uns. Nun, nach 8 Monaten, sind wir an diesem Punkt angekommen. Wir versuchen krampfhaft herauszufinden, wie,wo und wann ein Schiff von Flores nach Timor fährt. Denn wir wissen, es gibt eine Fährverbindung. Doch Informationen sind rar, ihre Zuverlässigkeit fragwürdig. So entscheiden wir uns schweren Herzens dafür, den Flieger zu nehmen. Viel zu früh werden wir mit dem Taxi an den Flughafen nach Bajawa gebracht. Zu einem horrenden Preis. Doch die Begründung lautet wie immer: „Auf Flores ist halt alles teurer, schliesslich müsse alles von Java hergebracht werden.“ Naja, Ansichtssache, denn das Benzin kommt definitiv von der nahegelegenen Insel Timor. So sehen wir unserem Flieger zu, wie er noch eine Ehrenrunde nach Labuan Bajo dreht, damit wir, wenn er das nächste Mal in Bajawa ist, endlich einsteigen können. Während der langen Wartezeit kommen wir ins Gespräch mit einer Indonesierin. Lehrerin sei sie und unterrichte an der Universität in Kupang. Unter anderem Englisch. Kurz vor dem Einsteigen in den Flieger fragt sie uns, ob wir nicht Lust hätten mit ihr an die Uni zu kommen. So kommt den Studenten mal ein anderes Englisch zu Ohren, als ihres.

Ja, viele Touristen hat es nicht mehr in diesem Teil von Indonesien. Als wir in unserem Gästehaus vorfahren, ist weit und breit niemand zu sehen, der uns in Empfang nehmen könnte. So fragen wir beim einzigen Gast um das WLAN Passwort, um zumindest noch etwas recherchieren zu können. Bis der Besitzer schliesslich verschlafen aus seinem Zimmer tritt.

Etwa vier Schüler stehen am nächsten Tag vor unserer Unterkunft und wollen wissen, ob sie ein Videointerview mit uns machen dürfen. Es sei eine Hausaufgabe, Touristen zu befragen und Fotos mit ihnen zu machen. Ziemlich fies in einer Stadt, in der es kaum Touristen hat. Da wir in Kupang ursprünglich ein Visum für Osttimor beantragen wollten, dies nun aber per E-Mail erhalten haben, können wir uns ganz der Bildung widmen. So sitzen wir am Tisch und beantworten Fragen zu uns, zu Indonesien und zu Kupang. Was uns so nach Kupang verschlage und was uns am besten gefalle. Nur mit dem Pasar Malam, dem Nachtmarkt können wir auftrumpfen. Schwierig einem einheimischen Schüler beizubringen, dass man eigentlich nach Kupang kommt, nur um wieder weiterreisen zu können und eigentlich gar nichts der Stadt gesehen hat. Trotzdem sind sie überglücklich, überhaupt Touristen gefunden zu haben, die bereit waren ihre Zeit zu opfern. Die westliche Mentalität, dass man nicht gerade mit jedem Unbekannten redet, welcher dich auf offener Strasse mit dem üblichen „Hello Mistaa“ anspricht, ist für die jungen Indonesier unbegreiflich. So sei es halt in Indonesien.

Wir haben vieles gesehen in den zwei Monaten in Indonesien. Die Fahrt in einem Bemo, einem Kreuzung zwischen Sammeltaxi und Bus haben wir bis jetzt noch nie erlebt. Die dröhnende Musik aus dem Innern, die vollbeklebten Scheiben, Discolicht und die fragwürdigen Tuningoptionen haben uns stets davon abgehalten. Ganz zu schweigen davon, dass man eigentlich nie genau weiss, wohin der rollende Kasten eigentlich fährt. Doch nun sitzen wir in genau einem solchen Gefährt. Sich zu unterhalten ist praktisch unmöglich, die Musiklautstärke erinnert an den Besuchs eines Konzertes am Gurtenfestival in der ersten Reihe, direkt vor den Boxen. Dennoch ist der Knall nicht zu überhören, als gerade einer der hinteren Reifen sein langes Leben aufgibt. Holpernd kommt das Bemo am Strassenrand zum Stillstand. Pech für den Fahrer, denn so gibt es von den Passagieren kein Geld. Sämtliche Passagiere müssen in ein anderes Bemo umsteigen. Zusammen mit Lenny, der Englischlehrerin, tun wir es den anderen gleich. Auf dem Weg an die Uni erwischen wir dann ein gemütlicheres Fahrzeug, ohne Musik dafür mit ächzenden Tönen der Karosserie. Die Studenten seien schon ganz aufgeregt, lässt uns Lenny wissen.

Kaum sind wir auf dem Unigelände angekommen beginnt das Gekichere, Getuschel und die freudige Begrüssung. Wir begeben uns auf Zimmersuche und finden dann eben dieses heisse und stickige Zimmer. Während die Schüler ihre Stühle mit kleinen Tischchen zurecht rücken, mustern wir die spärliche Einrichtung des Raumes. Der besagte marode Holztisch vor uns, ein grosses Whiteboard an der Wand. Die Schreiber dazu muss Lenny erst besorgen. Das einzige was uns an eine Uni erinnert, ist der Beamer, welcher zu unserer Verblüffung an der Zimmerdecke hängt.
Dann kommt der Moment als Lenny ihre Klasse zur Ruhe bittet. Wir stellen uns vor. Während wir unsere Namen auf das Whiteboard kritzeln, raten alle mit jedem Buchstaben mit, wie wir denn wohl heissen könnten. Die meisten hören gespannt zu, als wir erzählen woher wir kommen. Doch als sie uns dann Fragen stellen sollten, verstummen auch hier alle. Wie bei uns zuhause. Erst nachdem wir ihnen klar machen, dass Englisch nicht unsere Muttersprache sondern unsere Drittsprache ist, tauen die ersten etwas auf. Als wir von der berühmten Schokolade, den aber fehlenden Kakaobäumen in der Schweiz erzählen, geht ein Raunen durch den Raum. Sie lieben Schokolade erklärt uns Lenny. Toblerone, welche auch hier erhältlich ist, haben nur wenige schon mal probiert. Der Preis dafür ist wohl einfach zu hoch.
Ob wir Geschwister seien, wir sehen uns so ähnlich, wollen sie wissen. Für unsere Antwort ernten wir erneut Gekicher und Gelächter. In Indonesien sei man halt einfach zusammen, man spreche aber selten aus, dass es „die Freundin“ oder „der Freund“ sei. Wieder etwas gelernt.
Im Nu geht der Englischunterricht vorbei, fast jeder will noch ein Selfie oder ein Gruppenbild mit uns machen. Zum Glück sind wir uns das nun schon gewohnt. Und wieder einmal wird uns bewusst, wie wir uns darauf freuen, in Australien nicht mehr ganz so aufzufallen.

Nach einem gemeinsamen Abendessen mit Lennys Familie verabschieden wir uns herzlich von ihnen. Zu gerne hätte sie uns noch am nächsten Tag mit der Klasse an einen Strand mitgenommen. Da wir noch unsere Reise nach Dili planen müssen, lehnen wir dankend ab. Das wir am nächsten Tag noch einmal zwei Interviews inklusive Fotoshootings geben würden, konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Simon
Reist und fotografiert leidenschaftlich gerne. Hat sich von seiner Spiegelreflexkamera verabschiedet, um sich eine reisetaugliche Fujifilm zu kaufen

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