Unterwasserwelt vor Flores

Unterwasserwelt vor Flores

Die Lunge brennt leicht, das Zwerchfell krampft sich zusammen. Das Hirn scheint zu schreien: „atme!“. Doch ich unterdrücke die Reflexe. Über mir sind knappe 8m Wasser. Direkt vor mir schwimmt in aller Seelenruhe ein ausgewachsener Manta. Rundherum Stille.

Wir haben in einem Homestay Namens „Manta Manta“ eingecheckt. In Labuan Bajo, dem Ausgangsort für praktisch alle Touren in den Komodonationalpark, reiht sich Tauchcenter an Tauchcenter. Wer hier tauchen will, hat die Qual der Wahl. Wer es überhaupt bis hier hin schafft, ist bestimmt länger unterwegs, Taucher oder beides. Das Gebiet beherbergt Tauchplätze, die zu den besten der Welt gehören. So lautet zumindest der Grundtenor. Nachdem wir auf der Hinfahrt von Lombok davon etwas Luft schnuppern konnten, sehen auch wir uns gezwungen, unser Reisebudget etwas zu strapazieren.

Morgens um sieben treffen wir bei Uber Scuba, unserer auserwählten Tauchschule, ein. Im Hafen liegt halb versunken ein Boot desselben Typs wie wir für unsere Überfahrt hatten. Das Tauchboot ist jedoch frisch revidiert und gut ausgestattet. So geht es in Richtung Komodo Nationalpark, zu jenem Punkt, wo wir schon auf der Überfahrt von Lombok halt gemacht haben. Da wo sich vor wenigen Tagen die Boote mit ächzendem Motor gegen die sichtbar starke Strömung durch die Meerenge gekämpft haben, gehen wir nun also tauchen. Doch jetzt, gegen Ende der Flut, ist die Strömung nur halb so wild. Trotzdem wird darauf hingewiesen, dass es im gesamten Nationalpark immer wieder starke Strömungen hat, welche wir besonders während des zweiten Tauchgangs zu spüren bekommen. So suchen wir uns einen geeigneten Platz am Riff, verstecken uns so gut als möglich hinter einem Felsen im Strömungsschatten und halten uns fest, um nicht davongespült zu werden. Der Hai, der unmittelbar vor uns schwimmt, bewegt sich hingegen mühelos durch die Fluten und dreht seine Runden. Aus einer prächtigen Anemone direkt neben mir, glotzt mich eine Clownfischfamilie ungläubig und etwas nervös an. Ob der Kleine wohl Nemo heisst? Wir lassen die Natur hinter uns und geben uns kampflos der Strömung hin, die uns in hoher Geschwindigkeit vom farbigen Riff wegtreibt.
Zeit für Mittagessen, mein Magen knurrt sowieso schon seit Längerem. Doch für ein Mittagsschläfchen auf dem Sonnendeck reicht es nicht. Wir gehen auf Seepferdchensuche! Als Alex, unser indonesischer Tauchguide mit Rastas,  ganze vier Stück in einer Koralle entdeckt, ist er überglücklich. Sein unverkennbares Lachen ist sogar unter Wasser neben all dem Geblubber klar und deutlich zu hören. Er deutet uns sein etwas anrüchiges Zeichen für Seepferdchen, grinst uns an und zeigt uns die Miniaturtierchen. Das erste Mal im Leben sehe ich ein Seepferdchen in der Natur. Doch ich habe sie mir etwas grösser vorgestellt. Diejenigen, die wir in Peking aufgespiesst auf dem Grill gesehen haben, waren wohl genmanipulierte Zuchtviecher.
Wie aus dem Nichts taucht plötzlich eine weisse Wand vor mir auf. Noch versuchte ich, vor der Strömung umzudrehen und schon bin ich mittendrin. Mein Herz es klopft. Es klopft gewaltig. Beinahe gerate ich in Panik. Wasser. Überall Wasser. Die Luftblasen bemerke ich gar nicht mehr. Viel eher bin ich damit beschäftigt mich aus diesem Sog zu befreien. Mit aller Kraft versuche ich der Strömung irgendwie zu entfliehen, doch der Sog ist stärker. Unerbittlich zieht er mich nach unten in die Tiefe. Ich versuche mich unter Kontrolle zu halten. Ich atme viel zu schnell. Alles geht viel zu schnell. Auch mein Herz. Eben noch in aller Gemütlichkeit dem wunderschönen Riff entlang getaucht, die Haifische, Seepferdchen und Schildkröten bestaunt und nun im brutalen Kampf gegen die Kraft des Meeres. Marilyne kann nur hilflos zuschauen. Würde sie mir eine Hand reichen, wäre sie sofort in der selben Situation. Geistesgegenwärtig lasse ich Luft ins Jacket, der kleine „Rucksack“, an welchem die Sauerstoffflasche befestigt ist. Dies verschafft mir Auftrieb und ich kann mich endlich aus der Situation befreien. Nun klopft nebst meinem Herzen auch mein Kopf. Ich muss mich beruhigen, ruhiger atmen. Ein paar Minuten halte ich mich an einem Felsen fest und schliesse meine Augen. Die leicht zittrigen Beine spüre ich jedoch auch noch während dem Rückweg auf dem Tauchboot.
Mit diesem Erlebnis in den Knochen gönnen wir uns am Abend eine leckere Pizza bei einem der vielen italienischen Restaurants. Wir werden das Gefühl nicht los, das Labuan Bajo aus Tauchschulen, Unterkünften und eben diesen Restaurants besteht. Trotzdem versprüht das Städtchen einen gewissen Charme.

In der Nacht schlafe ich schlecht. Ich weiss nicht, ob es an der Hitze im Zimmer, der Erlebnisse vom Tauchen oder an der Vorfreude liegt. Schon lange spiele ich mit diesem Gedanken, nun darf ich ihn endlich umsetzen. Unsere Tauchschule bietet Kurse im Apnoetauchen, also Freitauchen ohne Sauerstoffflasche an. Nach etwas Theorie und Atemübungen ein erster Versuch im Luftanhalten. Nach knappen zweieinhalb Minuten ist der Atemreflex für mich nicht mehr zu unterdrücken. Das wird wohl ein erfolgreicher Tag!
An drei verschiedenen Tauchplätzen versuchen wir es immer wieder aufs Neue. Entspannen, konzentrieren, den Körper mit möglichst viel Luft füllen, um danach mit den riesigen Flossen in die Tiefe zu tauchen. Lautlos. Nur das Rauschen des Blutes und das Klopfen des Herzens in den Ohren. Die Fische schauen einem verdutzt an. Ebenso die Taucher, die in knappen 10m Tiefe ihren unglaublichen Lärm verbreiten. Irgendwann ergebe ich mich dem Drang zu atmen, tauche wieder auf und gebe das OK-Zeichen. Ein Blick auf die Tauchuhr verrät mir: Über eine Minute war ich unter Wasser. Eingetaucht in die Unterwasserwelt. Doch nicht als Zuschauer, sondern als Teil davon. Die Fische nehmen nicht wie gewohnt Abstand, sondern integrieren mich in ihren Schwarm. Schon öfters versuchte ich dies beim Schnorcheln, doch dies ist definitiv eine andere Liga.
Als krönender Abschluss führt unser Tauchtag zum Mantapoint. Wir ruhen an der Oberfläche und blicken gespannt durch die Masken in die Tiefe. Schon nach kurzer Zeit dreht ein Rochen seine Runden. Ich packe alles Gelernte aus und tauche ab. In einer Distanz von knapp 2m schwebe ich gemütlich neben dem Manta und blicke ihm in die Augen. Gerne wäre ich noch lange so weitergetaucht. Seite an Seite schwebend mit diesem riesigen Tier. Zurück an der Oberfläche strahle ich mit der Sonne um die Wette. Ein High-Five mit dem Instructor darf auch nicht fehlen.

Glücklich und zufrieden schlafe ich kurze Zeit später an Deck des Tauchboots ein, während dieses Kurs auf Labuan Bajo nimmt.

Simon
Reist und fotografiert leidenschaftlich gerne. Hat sich von seiner Spiegelreflexkamera verabschiedet, um sich eine reisetaugliche Fujifilm zu kaufen

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