In der Tempelstadt von Angkor

In der Tempelstadt von Angkor

Der Wecker klingelt. Draussen ist es noch dunkel, der Rezeptionist schläft hinter der Theke. Wir fahren mit unseren Fahrrädern über die Naturstrasse. Zwischendurch reflektiert grün ein Paar grosse Hundeaugen in der staubigen, warmen Morgenluft. Doch wir sind nicht die einzigen, die in dieser Herrgottsfrühe unterwegs sind. Auf der grösseren Strasse reihen wir uns in den Strom aus Tuk-Tuks, Mofas und Bussen ein. Alle mit dem selben Ziel: Die Tempelstadt von Angkor. In der leichten Morgendämmerung wird dann das Ausmass zweier Dinge sichtbar. Die mystische und beeindruckende Silhouette von Angkor Wat und die Anhäufung der Touristen, welche mit uns zusammen den Sonnenaufgang bestaunen wollen.

Auf der Suche nach dem perfekten Bild drängen sich die Massen um den See vor dem Tempel. Wir finden etwa in der fünften Reihe einen Platz und vertreiben uns die Zeit bis zum Sonnenaufgang mit beobachten der Touristen und Fotografen. Kaum ist die Morgenröte verschwunden, lichtet sich auch die Menge. Wir verharren jedoch im Wissen, dass die Sonne kurze Zeit später direkt hinter dem Tempel aufgeht und ergattern uns nun die besten Plätze. Nebenbei beobachten wir die Affen, welche den unachtsamen Touristen blitzschnell das Frühstück oder die Kokosnuss klauen.

Im Tempel wird uns die Grösse der Anlage allmählich bewusst, denn Angkor Wat ist nur ein kleiner Teil, wenn auch der Berühmteste. Unzählige weitere kleinere und grössere Ruinen sind auf den knapp 1000 Quadratkilometern zu finden. Wir beschränken uns am ersten Tag auf die drei für uns Interessantesten. Nach dem leichten Schock am Morgen verziehen wir uns in den Wald und tauchen in eine neue Welt ein. Steinblöcke liegen auf dem Waldboden, das Sonnenlicht dringt spärlich durch die Baumkronen und lässt den Dschungeltempel „Ta Phrom“ umso schöner erscheinen. Teile der Kulisse des Films „Tomb Raider“ sind von Baumwurzeln überwachsen, andere komplett eingestürzt. Die Verzierungen jedes einzelnen Steins ist genau so schön und üppig wie schon in Angkor Wat. Eine wahre Meisterleistung der Steinmetze.

Während wir den Tempel langsam hinter uns lassen, werden wir von kambodschanischen Klängen aus der fremden Welt gerissen. Die Musik wird von Landminenopfern gespielt. Beinprothesen liegen angelehnt an die kleine Bühne, die Instrumente sind teils an den Armprothesen befestigt. Erblindete treffen die Glocken und Triangel jedoch trotz ihres Handicaps genau. Etwas müde vom frühen Aufstehen und der diversen Velokilometer, quälen wir uns danach über die schnurgerade Strasse fern von jeglichem Schatten durch die Mittagshitze. Umsomehr geniessen wir später die Vorzüge der heutigen Zeit: Ein Pool und ein bequemes Bett im klimatisierten Zimmer. Schliesslich wollen wir erholt sein, wenn wir in den kambodschanischen Zirkus Phare gehen. Mit einem super Programm, Witz und artistischem Können begeistern die Waisen und ehemaligen Strassenkinder das Publikum.

Beim nächsten Sonnenaufgang lassen wir den anderen den Vortritt. Erst am späten Morgen radeln wir zu den Tempeln. Unüberhörbar, dass die chinesischen Reisegruppen auch schon da sind. Die vielen Steingesichter des Tempels „Bayon“ sind eindrücklich, dennoch können sie von der egoistischen und lauten Art der chinesischen Besucher nicht ablenken. Deshalb verziehen wir uns in ruhigere Gegenden. Wir sind etwas vom Weg abgekommen und stehen mitten im Grün des Dschungels. Nachdem wir einem Pfad gefolgt sind, taucht plötzlich ein weiterer Tempel vor uns auf. Ohne Touristen. Bei Verkäuferinnen verpflegen wir uns und hören dazu eine Radiotalkshow aus einem am Baum befestigten Radio.

Gestärkt treten wir den Rückweg an und bemerken, dass die Hitze und der Staub nicht nur uns zusetzt. Als wir ein paar Affen entdecken und einen Fotostopp einlegen, werden die Tiere auf uns aufmerksam. Aber nicht etwa wegen der Ananas im Körbli, sondern wegen der Wasserflaschen. Noch bevor ich diese in Sicherheit bringen kann, sitzt ein Affe auf meinem Arm und beisst heftig in den Flaschenboden. Wie an einer Tränke löscht er seinen Durst. Seinem Beispiel folgend, belagern schlussendlich vier Affen meine Flasche, bis sie restlos geleert ist.
Die Augen, mit welchen sie mich angeschaut haben, werde ich wohl so schnell nicht mehr vergessen…

Simon
Reist und fotografiert leidenschaftlich gerne. Hat sich von seiner Spiegelreflexkamera verabschiedet, um sich eine reisetaugliche Fujifilm zu kaufen

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