Die Weiten der Mongolei

Die Weiten der Mongolei

Lange durchforsten wir den Dschungel aus Anbietern und deren Touren. Trekkingtouren, Pferdetrekking, Jeeptouren, Gobi, Zentralmongolei, Nationalpärke. Schwierig ist es sich zu entscheiden. Eigentlich wollten wir ein Pferdetrekking machen, aus gesundheitlicher Sicht wäre es wohl ein schlechter Entscheid gewesen, mehrere Tage hintereinander durch die immer kühler werdenden Mongolei zu reiten. Doch die gesamte Zeit im Jeep sitzen entspricht auch nicht unserer Vorstellung. Schliesslich stossen wir auf eine Tour, welche ein bisschen von allem beinhaltet. Vom Anbieter wird jedoch in Rezessionen häufig abgeraten. Wir lassen uns nicht beirren und buchen trotzdem.

So sitzen wir in der Hotellobby und warten auf die Abholung. Um die geplante Uhrzeit erscheint niemand. Wir werden beide (auch wenn wir es nicht zugeben würden) etwas nervös. Mit einer Verspätung von 20 Minuten erscheint eine dick eingemummte Mongolin mit einem grossen Lachen im Gesicht. Der chaotische Verkehr Ulaanbaatars wurde ihr zum Verhängnis. Miggy wird uns die nächsten 13 Tage die Schönheit und Geheimnisse der Mongolei näher bringen. Wir werden als erstes etwas ausserhalb der Stadt gefahren, wo uns der Agenturbesitzer unserem Fahrer, Baggie, übergibt. Aufgrund seiner Endziffer der Autonummer darf dieser am heutigen Tag nicht in das Zentrum fahren. So versuchen sie hier, das Chaos in den Griff zu kriegen.

Das Gepäck umgeladen, fahren wir südwärts. Die Stadt weicht immer mehr der verschneiten Landschaft. Endlich raus! Doch bevor wir die Stadt gänzlich aus den Augen verlieren, stoppt Baggie den Wagen neben einem Obo. Ein kultischer Steinhaufen, bei dem um eine gute Zukunft oder eine gute Fahrt gebeten wird. Während der Obo dreimal im Uhrzeigersinn umrundet wird, werden wichtige Dinge darauf deponiert. Baggie hat seine Runden bereits gedreht, während uns Miggy dies erklärt. So umkreisen wir den Obo und nehmen Notiz von Ziegenschädeln, Steuerrädern, Krücken, Instrumenten und Gebetstüchern.

An uns ziehen riesige Herden von Ziegen, Pferden und Kühen vorbei. Die Strasse weicht zwischendurch holprigen Schotterpisten. Eingenommen von den Eindrücken werden die Augendeckel langsam schwer. Doch bevor sie ganz zu schliessen drohen, tritt Baggie auf die Bremse und biegt von der Hauptstrasse ab, mitten in die Steppe rein. Unser Mittagsplatz ist gefunden. Miggy zeigt ihre Kochkünste, welche sie während unserer Reise dreimal täglich zu toppen versucht. Abends erreichen wir unser Nachtlager bei einer Familie. Zur Begrüssung erhalten wir ein Schälchen voller Pferdemilch. Etwas gewöhnungsbedürftig ist sie schon, leicht säuerlich, etwas gegoren und mit einem starken Eigengeschmack. Ablehnen wäre unhöflich, schliesslich übernachten wir in der Jurte des Sohnes der Familie welcher zurzeit in der Stadt weilt. Viel authentischer gehts nicht. Damit wir nichts falsch machen, werden wir kurz aufgeklärt.

– Beim Ein-/Austreten nie auf die Türschwelle stehen. Dies käme mir schon aufgrund der mangelnden Kopffreiheit nicht in den Sinn.
– Der Gast sitzt von der Eingangstüre immer links.
– In der Jurte sollte im Uhrzeigersinn gegangen werden.
– An den Dachstützen in der Mitte der Jurte sollte man sich nicht halten und schon gar nicht dazwischen durchgehen. Das ist aber sowieso eher schwierig, da der Durchgang meist durch einen Ofen versperrt wird.

Der Ofen dient sowohl als Kochherd als auch als Heizung. Auch wenn diese nur zum Einschlafen wirklich hilft. Meist wird es frühmorgens trotzdem empfindlich kühl. Nicht selten werden wir kurz nach sechs Uhr durch die Besitzer geweckt, welche die Jurte beheizen. Mit Gummistücken von defekten Reifen wird getrocknete Pferde-/Ziegen-/Kuh-/ oder Kamelkacke angezündet. Dies dient in baumlosen Regionen als Holzersatz.

Die nächsten Tage durchqueren wir, mit Musik von DJ Bobo und Dr. Alban sowie mongolischem Gedudel, die extrem schnell wechselnde Landschaft. Da es nur wenige asphaltierte Strassen gibt, holpert unser Jeep gezwungenermassen über Stock und Stein. Nicht nur wir tragen den Sicherheitsgurt häufig unter der Schulter, um nicht bei jedem Schlagloch erhängt zu werden. An uns ziehen erneut grosse Tierherden vorbei. Nicht eingezäunt, versteht sich. Die Familien kennen die genaue Zahl der Tiere nicht, dies bringt scheinbar Unglück. Die geschätzte Grösse dient in Kombination mit dem Bauchgefühl zur Erkennung der eigenen Herde.
Zwischen den Tierherden sehen wir immer wieder Jurten in der weiten Steppe und Nomaden bei ihrer täglichen Arbeit. Die traditionelle Kleidung, die sie stets tragen, ist häufig in Naturfarben gehalten. Zu schnell wird sie sonst schmutzig.

Der anstehende Winter ist auf unserer Fahrt allgegenwärtig. Wir überholen diverse kleine Lastwagen auf welchen die Nomaden ihr Vieh dichtgedrängt transportieren. Im Herbst sind die Tierpreise am günstigsten. Fleisch wird zum Hauptnahrungsmittel, während im Sommer Milchprodukte und im Herbst Gemüse auf dem Speiseplan stehen. Der Geschmack von Ziegenfleisch begegnet uns deshalb in fast jedem Gericht – das zugehörige Fett sollte mitgegessen werden.
So verfliegen unsere Tage im Nu während uns Baggie zielsicher durch die Steppe fährt, ohne Navi und ohne Strassenschilder.
Als wir am achten Tag bei einer Familie ankommen, sind wir einmal mehr von der Gastfreundschaft der Mongolen überrascht. Kurzerhand wird die eigene Jurte geräumt, damit wir darin übernachten können. Jedoch nicht bevor wir erneut Ziegenprodukte kosten dürfen.

Als kleine Aufwärmung dürfen wir am  nächsten Morgen selbstgebrauten Vodka degustieren. Währenddessen werden die Yaks mit dem Gepäck beladen und die Pferde gesattelt. Die nächsten drei Tage werden wir auf den zu kleingeratenen Vierbeinern verbringen. Schnell sind sie trotzdem, zumindest meines. Lyne’s Ross dagegen ist etwas eigensinnig. Faul trottet es stets hinter allen anderen her. Auch das stetige „TSCHU“, das mongolische „HÜÜ“, bewirkt meist nur, dass es bockstill steht. Kurzerhand taufen wir es deshalb auf den Namen „Donkey“. Mein „Jolly Jumper“ dagegen wechselt sofort in die nächst höhere Gangart, sobald man ihm etwas Spielraum lässt.

Während mein Hintern allmählich etwas schmerzt, galoppiert Jolly Jumper auch nach drei Tagen zuverlässig dem Ziel entgegen.

Simon
Reist und fotografiert leidenschaftlich gerne. Hat sich von seiner Spiegelreflexkamera verabschiedet, um sich eine reisetaugliche Fujifilm zu kaufen

4 Kommentare

  1. Jan 4 Jahren vor

    Trumhafti Bilder, da wärde grad Erinnerige wach wini geschter dert wer gsi…Bi sehr nidisch ufnech ifach usser dr Airag, uf dä chani guet verzichte 😉
    Gniessets no im letschte Land miteme Huch vo Europa (Dütsch gschribnigi Packige im Supermarkt gits när nemme;-)) Immer gueti witerris u viel Spass bim Kulturschock in Peking!
    @Simu: Wi hesch so längetechnisch i dä mongolische Bett platz gha? 😀

    • Simon Autor
      Simon 4 Jahren vor

      Hey Jänu! Ja, dä cheibe Airag…es isch scho nid nur e Gnuss 🙂
      Di dütsch gschribnige Packige si definitiv augägewärtig – no im chlinschte Supermarkt fingtme irgendwo no es Röueli düütschi Güetzi. Aber villicht hetsech das i däm Peking ja ou gänderet, u am Ändi wärdemer das Dütsch gar nie los 😛

      eeeh, i dä mongolische Bett hani im Schnitt öppe gliich guet Platz wi i ganz viu angerne Bett ou – sprich si si eifach ds churz. Ob izze chlii ds churz oder viu ds churz macht denn äbe fürd Schlafqualität o ke Ungerschid meh…

  2. regula 4 Jahren vor

    toller bricht u wunderschöni bilder

  3. Munkhuulei 4 Jahren vor

    so great

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