Wenn die Wellen grösser werden als der Appetit

Neben meinem Kopf rauscht es. Ich liege im Bett in der Bugkabine, der Körper wird durch die Schräglage des Schiffes an die Wand gedrückt. Das Rauschen hört kurz auf, während wir in das Wellental fallen. Ich spanne den Köper an, kurz darauf werde ich in die Matratze und die leicht flexible Bordwand in meinen Rücken gedrückt. Die nächste Welle bricht über dem Bug zusammen und überspült das Kabinenfenster an der Decke. Geschlafen habe ich kaum, als mein Wecker klingelt. Zwei Stunden dauert jede Schicht in der Nacht. Schliesslich muss überwacht werden, ob der Autopilot richtig funktioniert, der Wind sich nicht verändert, der Kurs stimmt und nicht zuletzt keine anderen Schiffe oder Hindernisse unseren Weg kreuzen. Zum Glück ist die Chance, einen schwimmenden Container eines Frachters zu rammen verschwindend gering. Zudem sind heute grössere Schiffe, sowie viele Segelyachten mit einem Sender ausgerüstet, der sie auf unserem Datendisplay erscheinen lässt. So gehört das Schieben der Nachtschichten zu einer der gemütlichsten Aufgaben im Bordalltag.

Viele andere Dinge, welche unter normalen Umständen fast nebenbei von der Hand gehen, werden auf hoher See schnell zur kniffligen Aufgabe. Ab einer gewissen Schräglage und Stampfbewegung beginnt das Problem schon beim Anziehen der Kleider, ohne sich irgendwo den Kopf oder andere Körperteile anzustossen. Der Weg von der Bugkabine, durch den Salon, vorbei am Kartentisch und der Küche zum Cockpit oder alternativ zur Toilette wird so aussergewöhnlich anspruchsvoll.

Doch die Mühe wird belohnt. So sitze ich eine weitere Nacht an Deck, dick eingepackt in Thermounterwäsche, Daunenjacke, Regenjacke und Mütze und blicke in den unglaublichen Sternenhimmel. Manchmal zischt eine Sternschnuppe vorbei. Der Mond am Horizont beleuchtet die weisse Schaumspur, welche wir hinter dem Heck ins Meer ziehen. An Tagen, an denen der Mond nur schwach scheint, beginnt der Schaum grünlich zu schimmern. Es ist fluoreszierendes Plankton, welches durch uns aufgewühlt wird und nun für eine kleine Partystimmung sorgt.

Nach zwei kurzen Stunden steht Marilyne noch leicht verschlafen neben mir. Sie übernimmt meinen Platz, sichert ihre Schwimmweste am Boot, während ich meinen wackligen Weg zurück ins Vorschiff unter die Socken nehme. Dank einer Luftfeuchtigkeit um die 90 Prozent ist es nicht nur ein Genuss, zurück ins Bett zu kriechen. Die Leintücher fühlen sich an, als wäre das Boot undicht. Zum Glück bleibt der Schlafsack einigermassen trocken. Eingekuschelt lausche ich dem brausenden Meer und höre durch die Bordwand ein ungerades Mal Delfine pfeiffen.

Sie sind treue Begleiter auf unserer Reise, fast täglich entdecken wir die verspielten Tiere neben dem Boot. Es ist eine willkommene Abwechslung, denn so eine lange Zeit nur Meer zu sehen, kann auch ganz langweilig sein.

Es ist ein schöner, ruhiger Tag. Wir sitzen zu viert  im Cockpit und diskutieren, als das Gespräch jäh unterbrochen wird. Ein klackendes Surren zerschneidet die Luft. 30 Meter hinter dem Boot spritzt das Wasser. Endlich! Ich schnappe mir die Angel, beginne die auslaufende Leine zu bremsen und spüre sofort die Kraft, mit welcher der Fisch gegen den Köder ankämpft. Nur durch reduzieren der Segelfläche und somit der Bootsgeschwindigkeit gelingt es, das Tier Meter um Meter näher zu ziehen. Schätzungsweise vier bis fünf Kilogramm schwer ist der Gelbflossenthunfisch, der nach seinem Kampf bei uns an Deck liegt. Nachdem Philip den Fisch filetiert hat, bereiten wir diesen gleich zu einem leckeren Tartare zu. Heute stellt sich die Frage nicht, was wir zum Abendessen kochen wollen. Praktisch auch, dass es einfach zum Zubereiten ist.

Denn das Kochen in der kleinen Küche ist nicht immer so simpel. Obwohl der Kochherd quer zum Boot aufgehängt ist und somit die schaukelnden Bewegungen ausgleicht, sind die Bedingungen ein echtes Menu zu zaubern, erschwert. Breitbeinig, mit der Hüfte an der Küche abgestützt, versucht derjenige, welcher im Moment in einer guten Verfassung ist, sein Bestes. Denn ohne Sicht auf den Horizont, einem scheinbar schaukelnden Gasherd sowie dessen enstehenden Abwärme, wird einem schnell einmal etwas mulmig im Bauch. Deshalb wird soviel wie möglich an Deck geschnippelt, so kann auch der Grünabfall gleich über Bord geworfen werden. An besonders welligen Tagen beschränkt sich das Essen auf Teigwaren mit Käse. Denn dann gelingen nicht einmal mehr die simpelsten Saucen.

An eben einem solchen Tag wird es selbst im Cockpit eher ungemütlich. Während die einen in den Betten den Tag verdösen, duschen die anderen an Deck. Jedoch nicht wie normalerweise mit einem Eimer, Meerwasser und Shampoo, sondern in Vollmontur und unfreiwillig. Die Wellen schlagen schnell und heftig über die Bordwand, dass selbst ein rasches Ducken oder Wegdrehen nicht mehr viel hilft. Selbst meine Schuhe, die ich von Beginn weg unter Deck gelassen habe, kriegen Wasser ab. Doch die Bedingungen haben auch Vorteile, denn so ist das Schiff schnell genug, um mit dem Motor Strom produzieren zu können. Unter der Anleitung des Kapitäns setzt Marilyne die Hebel in Bewegung, um auch gleich die Zweitbatterie für Kühlschrank, Licht und Autopilot laden zu können.

Während ich an Deck sitze und mich auf die nächste Dusche vorbereite, ändert sich die Situation an Bord schlagartig. Ein piepsender Alarm ertönt, beissender Gummigestank liegt in der Luft. Bevor ich realisiere, was eben passiert, hängt Philip kopfüber im Niedergang um Schlimmeres zu verhindern. Feuer! Offenbar hat auch das Ladegerät des Laptops von Fränzi etwas Wasser abgekriegt und einen feurigen Kurzschluss verursacht. Marilyne zieht schnell den verschmorenen Stecker und erstickt die Flamme mit ihrer Mütze.

Es folgt eine ungewisse Nacht. Noch wissen wir nicht, welche Schäden die Bordelektronik davon getragen hat. In unseren Köpfen bleibt der Alarm fest verankert, ebenso der Gedanke, dass wir eventuell die restliche Überfahrt ohne Strom und somit auch ohne Autopiloten meistern müssen.

Der ganzen Crew fällt einen riesen Stein vom Herzen, als am nächsten Tag das ganze Ladesystem ohne zu murren wieder anspringt. Selbst das Problem, mit dem Laptop nur noch einige Male das Wetter konsultieren zu können, löst sich in Luft auf. Denn aus purer Neugier versuchte ich auf Bermuda, das Programm ebenso auf meinen Computer zu laden. Wir werfen eben einen kurzen Blick darauf und studieren die über den Satelliten heruntergeladenen Wetterdaten. Es steht Starkwind bevor. Zwei Tage später pfeifft uns der Wind um die Ohren, die Wellen türmen sich bis zu fünf Meter auf. Die eine oder andere nutzen wir, um mit der nur sechs Tonnen schweren Buna Luna ins Tal und in Richtung Azoren zu surfen.


3 Kommentare

  1. Marianne Gilgen 1 Jahr vor

    Und wie lange dauert es nun noch, bis wir uns endlich wieder sehen???

  2. Näda 1 Jahr vor

    Hebed sorg ihr Verrückten, ihr Muttigen, ihr Helden der Meeren…

  3. Rupp 1 Jahr vor

    Hallo zäme, mittlerweile seid Ihr ja in den Azoren am segeln, ich hoffe das Ihr nicht mit den Waldbränden in kontakt kommt, bei uns ist es mittlerweile auch sommerlich warm wenn nicht schon heiss für unsere breitengradewünsche Euch allen noch eine gute Zeit auf der Buna Luna und immer gut Wind. Lg aus Escholzmatt Esther und Jüre⛵⛵⛵

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